...Yvonne Gebauer & Armin Laschet - Thorheiten

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...Yvonne Gebauer & Armin Laschet

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Köln-Kalk, 19. August 2020
Sehr geehrte Frau Gebauer, sehr geehrter Herr Laschet,

ich möchte Ihnen meine Beobachtungen als Spaßbremse vom Dienst an einer Grundschule in Köln aus den vergangenen Wochen und Monaten schildern. Eigentlich bin ich dort als Schulsozialarbeiter angestellt, doch seit Mai diesen Jahres besteht meine Arbeit vor allem darin, den Schülerinnen und Schülern immer wieder aufs Neue zu erklären, was sie derzeit nicht dürfen - und dass sie bitte auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken achten. Auf letztgenannte Herausforderung konzentriere ich mich im Folgenden.
Besonders betonen möchte ich, dass ich die rund 280 Kinder an unserer Grundschule nahezu alle als sehr bemüht erlebe, in der Corona-Krise auch ihnen kaum näher verständliche Vorgaben umzusetzen, weil sie sich, ihre Mitschülerinnen und -mitschüler, sowie andere Menschen schützen möchten. Ich spreche mit Sicherheit für viele meiner Kolleginnen und Kollegen, wenn ich eine imponierende Bereitschaft der Kinder herausstelle, sich selbst massiv einzuschränken und einschränken zu lassen, um einer Verantwortung gerecht zu werden, die Kindern im Grundschulalter gemeinhin nicht zugetraut wird.
Doch nun zu meinen Beobachtungen, Überlegungen und Fragen rund um die Mund-Nasen-Schutzmasken:

1. Zur Beschaffenheit der in Schulen gebräuchlichen Mund-Nasen-Schutzmasken:

Seit Beginn der Maßnahmen erscheinen die Schülerinnen und Schüler mit einer Vielzahl unterschiedlicher Modelle, darunter selbst genähte wie industriell produzierte Masken, mit je unterschiedlichen Formaten, Bindesystemen, Stofftypen, qualitativen Graden usw. Zu den typischen Verschleißerscheinungen gehören neben der alltäglichen Verschmutzung vor allem zu lockere oder abgerissene Trageriemen.

2. Zum Umgang mit den Mund-Nasen-Schutzmasken im schulischen Alltag:

2.1. Es gibt nicht wenige Eltern, die morgens vergessen, ihrem Kind eine saubere Maske oder überhaupt eine Maske zur Schule mitzugeben. Als Resultat bekommt das Kind vor der Schule von den Eltern noch schnell eine Maske vom Vortag (oder Vor-Vortag) über sein Gesicht gezogen, die bereits deutliche Gebrauchsspuren aufweist, sprich: nicht mehr sauber, sondern erkennbar verschmutzt ist. In und durch diese Maske soll das Kind nun einen Schultag lang atmen. Kinder, die alleine zur Schule kommen und erst dort feststellen, dass sie keine Mund-Nasen-Schutz-Maske eingepackt haben, reagieren unterschiedlich: Manche reagieren panisch, bekommen Schuldgefühle und Angst, ausgeschlossen zu werden. Andere reagieren mit Wut auf sich selbst, auf ihre Eltern oder auf die Maske. Es gibt sogar junge Schülerinnen und Schüler, die sich verstecken, weil sie sich schämen und vorwerfen, dass sie etwas Wichtiges falsch gemacht haben.

2.2. Kinder gehen mit Mund-Nasen-Schutzmasken so um, wie es Kinder nun mal machen: Sie behandeln sie nicht sachgerecht wie Fachleute im OP, sondern trotz Hilfestellungen seitens der Erwachsenen, trotz Regeln und Ermahnungen landen zahlreiche Masken dort, wo sie nicht sauber bleiben, nicht selten sogar auf dem Fußboden. Rasch augehoben, landen sie danach schneller vor Mund und Nase, als eingegriffen werden kann. Immerhin, ab und zu passt das Gesamtbild, und verschmutzte Masken werden mit vom Spielen verschmutzten Händen angefasst, um sie aufzusetzen oder zu justieren. Ja, Sie haben richtig gelesen: „Sauber“ ist da manchmal gar nichts mehr an dem Stück Stoff, das Kinder im Alltag vor Mund und Nase tragen.

2.3. Kinder erkennen leider nicht immer, wann ein guter Grund für ein ausnahmsweises Absetzen der Maske vorliegt: Insbesondere bei sommerlichen Temperaturen von über 30° kommt es somit zu Atemnot, Übelkeit und sogar zur Ohnmacht (nicht an unserer Schule, doch Beispiele sind mir bekannt). Kinder, die auf Schulstress mit psychosomatischer Übelkeit und Erbrechen reagieren, werden durch das Tragen der Maske zusätzlich stimuliert, Übelkeit zu entwickeln, wenn sie ihre eigene heiße Atemluft wieder einatmen.

2.4. Einige schüchterne bis gehemmte Kinder werden hinter ihrer Maske noch leiser oder verstummen ganz, weil sie sich nicht mehr zu reden trauen. Einige Kinder reagieren mit größerer Unsicherheit gegenüber Erwachsenen, weil unsere Kommunikation nicht mehr in vertrauten Bahnen abläuft.

2.5. Manche Kinder kommen morgens bereits aufgrund der hohen Temperaturen und ihres Bewegungsdrangs mit von Spucke feuchten Masken an der Schule an.

2.6. Kinder nehmen sich Erwachsene oder größere Geschwister zum Vorbild und tragen ihre Masken locker am Arm oder in der Hand, wo die Maske mit anderen Oberflächen in Berührung kommt und verschmutzt wird, bevor sie wieder über Mund und Nase gezogen wird.

2.7. Es gibt Eltern, die ihre Kinder dahingehend ausstatten und motivieren, dass deren Umgang mit den Masken die ablehnende Haltung der Eltern provozierend reflektiert; sprich: Kinder werden instrumentalisiert im „Glaubenskrieg“ um den vermeintlichen Nutzen der Mund-Nasen-Schutzmasken.

2.8. Das durch die Maske eingeschränkte Sichtfeld führt dazu, dass Kinder stolpern oder vor Hindernisse laufen und sich verletzen.

Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen, doch Ihnen dürfte bis hierhin klar geworden sein, welche Fragen sich aus diesen Beobachtungen ergeben.

3. Zur Bevorratung der Schulen mit Mund-Nasen-Schutzmasken:

Wenn Sie aufgrund der obigen Schilderungen denken, dass eine großzügige Bevorratung der Schulen mit Mund-Nasen-Schutzmasken Abhilfe bei zumindest einigen Problemen schaffen könnte, dann stimme ich Ihnen zu. Leider hat es eine solche Bevorratung an den mir bekannten Schulen bislang nicht gegeben. Kleine Vorräte, teils von Lehrkräften aus eigener Tasche finanziert, weil sie einer erkennbar ungesunden Praxis (Tragen verschmutzter Masken) oder einem Ausschluss der Kinder vom Unterricht vorbeugen wollen, sind schnell aufgebraucht.
Dabei bräuchten wir, um wenigstens die augenscheinliche - d.h. noch nicht die tatsächliche - Hygiene für die Kinder zu gewährleisten, einen entsprechend großen Vorrat von hochwertigen Masken (in Kindergröße).

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen, die sicher zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in ähnlichen Handlungsfeldern zumindest teilweise bestätigen können, bin ich zugegebenermaßen ratlos, wenn ich in den Medien folgendes erfahre:

Karl Lauterbach, der in den vergangenen Monaten mit seiner fachmännischen Kommentierung als Epidemiologe nicht durch Plädoyers für einen lockeren Umgang mit den Corona-bedingten Herausforderungen aufgefallen ist, erklärt am 13.08.2020 in der Sendung von Markus Lanz, dass die in Schulen gängigen (wie oben beschriebenen) Masken zu dem Zweck, für den sie offiziell getragen werden müssen (Filtrierung von Aerosolen) „nichts bringen“. Der Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit stimmte Lauterbach in dieser Hinsicht sofort zu. Die aktuell in den Schulen getragenen Masken erfüllen also aus Expertensicht rein gar nicht den Nutzen, zu dem sie (offiziell) getragen werden: Sie schützen nicht vor der Verbreitung von Aerosolen. Einen solchen Schutz bieten wiederum nur qualitativ hochwertige medizinische Masken - und selbst diese müssen fachgerecht angewandt werden, und müssten zudem ausreichend zur Verfügung stehen.

Das heißt: Wir nötigen derzeit Schulkinder, trotz jetzt schon offensichtlicher Nebenwirkungen bis Kollateralschäden, zum Tragen von Masken - oder, wie Markus Lanz es in der ihm eigenen Ausdrucksweise formuliert: „Wir quälen die Kinder mit Lappen im Gesicht, die [im Hinblick auf Aerosole] nichts bringen.“

Ich möchte das nicht so verallgemeinernd formulieren: Nicht jedes Kind fühlt sich durch die Maske gequält, doch manche fühlen sich zumindest phasenweise so. Bei über 30° Außentemperatur durch stickige, weil nur schlecht zu lüftende Treppenhäuser mit dem Schulranzen hinaufzusteigen, ist mit Maske eine Zumutung - um nur ein kleines Beispiel zu skizzieren. Viele Kinder fühlen sich eingeschränkt - und zwar, weil sie de facto eingeschränkt werden. Und solange wir keine Masken vorhalten, die dem verlautbarten Nutzen überhaupt nur entsprechen können, ja, solange wir die Kinder durch Masken eher gefährden (und dabei sind psychische Langzeitfolgen noch überhaupt nicht abzusehen), dann muss die Frage erlaubt sein: Wozu die Maskenpflicht in Schulen, wenn bereits jetzt die Nachteile die fragwürdigen „Vorteile“ überwiegen? Welche weiteren Risiken werden durch die Maskenpflicht auf dem Rücken der Kinder in Kauf genommen, wenn erstmal der Herbst mit den saisonalen Erkältungen und anderen Erkrankungen beginnt? Haben Sie auch nur eine blasse Idee davon, wie die so genannten Mund-Nasen-SCHUTZ-Masken dann aussehen werden? Welche Luft Kinder dann genötigt werden, einzuatmen?

Hier komme ich als Schulsozialarbeiter ins Spiel: Als ich mich auf diese Stelle bewarb, wurde an mich die Erwartung gerichtet, dass ich als Anwalt der Schulkinder fungiere. Dem möchte ich hiermit Genüge tun. Es kann nicht angehen, dass ausgewiesene Fachleute völlig unmissverständlich darlegen, dass die aktuelle Umsetzung der Maskenpflicht in Schulen nichts weiter ist als Augenwischerei - und wir Schülerinnen und Schüler nötigen, bei dieser sie in vielerlei Hinsicht frustrierenden bis krank machenden Farce mitzuziehen - obwohl wir täglich erleben, dass diese Maßnahme weder zielführend noch verhältnismäßig ist. Es kann nicht angehen, dass diese Symbolpolitik auf dem Rücken der Kinder betrieben wird. Und ich möchte nicht länger gegen meine Wahrnehmung, gegen meine Überzeung, und vor allem gegen die grundsätzlichen Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder arbeiten müssen - wobei ich grundsätzlich gerne als Schulsozialarbeiter tätig bin.
Es kann ebenfalls nicht angehen, dass wir wegen einer Maßnahme, deren praktische Umsetzung nahezu alle Beteiligten bereits jetzt frustriert und überfordert, langfristig ggf. erhebliche Folgeschäden produziert (psychische Belastungen, Zahnfäule durch das Einatmen schlechter Luft etc.), die grundsätzliche Hilfsbereitschaft von mitunter sehr jungen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Familien aufs Spiel setzen.

Dazu kommt nämlich, dass all dies in einem gesamtgesellschaftlichen Klima stattfindet, das seit Monaten auf beängstigende Weise - neben echter Solidarität und Hilfsbereitschaft - zunehmend von Misstrauen, Denunziation und Spaltung geprägt wird. Ein Klima, in dem Lehrkräfte, Pädagogen und andere Verantwortliche nicht nur medial unter besonderer Beobachtung stehen, und seit Monaten Kindern und deren Erziehungsberechtigen unangenehme Fragen beantworten und offensichtliche Widersprüche erklären müssen.
In einer Zeit, in der selbst sonst besonnene Intellektuelle moralische Überheblichkeit offenbaren und blindem Aktionismus das Wort reden, muss eine verantwortungsvolle Politik zuerst auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft schauen, und zu denen gehören die Kinder.

In der oben erwähnten Sendung von Markus Lanz waren sich Lauterbach und Schmidt-Chanasit einig, dass andere Maßnahmen deutlich vielversprechender seien als die Maskenpflicht, und nannten die Belüftung von Schulräumen, nicht zuletzt mit der Hilfe von (relativ) preiswerten Maschinen. Ihnen kann nicht entgangen sein, dass in Köln eine Vielzahl der Schulen jedoch aktuell aufgrund baulicher Bedingungen sowie Sicherheits-Bedenken seitens von Behörden noch nicht einmal in der Lage ist, den aktuellen Lüftungskonzepten zu entsprechen. Das heißt: Schülerinnen und Schüler sitzen in schlechter Luft, weil Fenster schlichtweg nicht genügend weit geöffnet werden können. Einmal mehr sei darauf hingewiesen, dass dies in den letzten Wochen bei enormer Hitze der Fall war - und dann sollen auch noch Masken zum „Schutz“ getragen werden: Das ist mehr als absurd, und es grenzt unter ohnehin schon mehr als diskutablen Rahmenbedingungen (Stichwort: Personalmangel, Ausstattung der Schulen etc.) an Menschenverachtung.

Sehr geehrte Frau Gebauer, sehr geehrter Herr Laschet, Sie sind in der Pflicht, die von Ihnen verordneten Maßnahmen sofort anzupassen und kindgerecht zu gestalten, und Sie sollten dringend unsere Schulen so auf Vordermann bringen, dass diese zumindest die angeordnete Durchlüftung von Klassenräumen bewerkstelligen können. Das ist das absolut Mindeste, was die Menschen in diesem Land, allen voran die Schülerinnen und Schüler, von Ihnen erwarten dürfen. Zahlreiche weitere Baustellen im Schulsystem sollten Ihnen bekannt sein.

In diesem Sinne freue ich mich auf Ihr entschlossenes Handeln für die Kinder und verbleibe mit freundlichen Grüßen aus Köln-Kalk, Ihr

Thor Wanzek

© Thor Wanzek 2018-2020
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