Anbruch (Magazin) - Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Anbruch (Magazin)

Texte > Rezensionen
Im Juni 2020 erschien die erste Druckausgabe von anbruch, das sich selbst als „Magazin für Kultur & Künftiges“ bezeichnet, im lesefreundlichen Format (näher an DinA4 als an DinA5) mit einem Umfang von 76 Seiten, und widmete sich dem Abenteuer im Geiste Ernst Jüngers.

Kernstück der Erstausgabe bildet ein Gespräch mit Konrad Adam, gleichsam eine eloquente Selbstvergewisserung in Sachen Kulturkonservatismus. So berichtet Adam zu Beginn vom strengen Vater, der im Wohnzimmer nebenan zu einem geladenen Kreis versprengter George-Jünger dessen Gedichte im Stil des Meisters vortrug, während der junge Sohn hinter verschlossener Tür die Ohren spitzte. Über das George-Gedicht „Der Mensch und der Drud“ kommt Adam auf ökologische Herausforderungen zu sprechen - und auf die von ihm mitbegründete „AfD“, über deren Innenleben er folgendes verrät: „Mit denen die heute [in der AfD] das Umwelt-Thema für sich und die Partei gekapert haben, können Sie das nicht [reden]: Da sind knallharte, nicht selten ferngesteuerte Interessenvertreter am Werk, ein Menschenschlag, der sich ja ohnehin stetig ausbreitet und die repräsentative Demokratie in einem trüben Licht erscheinen lässt.“ In der Partei werden der Meinungsfreiheit „enge Grenzen“ gesetzt, so Adam, im Hinblick auf ökologische Impulse, welche offenbar blockiert werden. An der Bedeutung von George respektive seiner Dichtung für Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Tat hegt er keine Zweifel.
Auf Dissenspunkte mit der Parteiführung angesprochen, berichtet der ehemalige langjährige FAZ- und ehemalige Welt-Redakteur, dass sein Vorschlag, die parteinahe Stiftung nach Erasmus von Rotterdam zu benennen, u.a. vom kulturpolitischen Sprecher Marc Jongen mit „der originellen Begründung, er [Erasmus] sei kein Deutscher gewesen“, Widerspruch erfuhr. „Aus seinem Einwurf sprach ebenjene Engherzigkeit, die Erasmus überwinden wollte“, so Adam.

Konrad Adam über die philosophische Kompetenz des ehemaligen Philosophie-Studenten Marc Jongen, der manchen als "Partei-Philosoph" der "AfD" gilt

Am Ende des Gesprächs verrät der Interviewte, dass er zwar auf eine „wilde Ehe“ der „Realisten“ in der „AfD“ und bei den Grünen hoffe, doch dass dieser Traum wohl kaum bald in Erfüllung gehen werde. Die Übung konservativer Selbstvergewisserung ist damit in Form eines weitgehend gemütlichen Kaffeekränzchens inklusive Giftpfeilen gegen die eigene Partei gelungen, die wirklich spannenden - nicht um zu sagen: abenteuerlichen - Fragen werden hier jedoch leider nicht gestellt, obwohl sie auf der Hand liegen bzw. ein Elefant derweil neben den sich Unterhaltenden im Raume steht und unablässig bunte Schilder herumschwenkt, auf denen u.a. folgende Frage zu lesen ist: Was muss eigentlich noch passieren, damit ein so reflektierter und kritischer Geist wie Sie, Herr Adam, anerkennt, dass es Zeit ist, der eigens mitbegründeten Partei endgültig den Rücken zuzukehren? Bzw. ist es nicht längst mehr als an der Zeit, diesen - weniger abenteuerlichen als vielmehr konsequenten - Schritt zu gehen, da von einem Kulturkonservatismus zwischen Populisten, Karrieristen und Rassisten allenfalls im Traum die Rede sein kann?
Nun, es handelt sich um eine Erstausgabe, und vielleicht wären solche Fragen für eine selbige dann doch etwas zu abenteuerlich abgehoben, zumal es sich bei den beiden Interviewern und anbruch-Hauptverantwortlichen Tano Gerke und Jonas Maron um noch ziemlich junge Hüpfer handelt?


Zu den, naja, „älteren Hasen“ zählt mit Florian Lachtrup (Jahrgang 1987) ein Schreiber, der die Leserinnen und Leser in den Wald auf ein „Mikroabenteuer“ einlädt, das soeben z.B. Titelthema im Känguru, dem hiesigen Magazin für Kinder und Familien gewesen ist, und anbruch somit nicht völlig holzköpfig auf Distanz zum Hier und Jetzt gehen lässt. Nö, trotz zahlreicher Ernst-Jünger-Zitate durchweht die Erstausgabe angesichts der inhaltlich-geistigen Ausrichtung ein für mein Empfinden überraschend angenehmer, frischer Wind, den ich von einem Magazin mit solcherlei Wurzeln nicht unbedingt erwartet hätte.


Jonas Marons Artikel, einen Ausspruch Rilkes aufgreifend, „Heim zum Uralten: Die unscheinbaren Abenteuer des Knud Baade“ gehört zum Schönsten, was mir in diesem Jahr bislang an Texten dieser Art unter die neugierige Nase gekommen ist. Das liegt einerseits an der Tatsache, dass Maron dem romantischen Maler, einem Gefolgsmann von Johann Christian Dahl (Windir-Fans wissen Bescheid), überhaupt einen Artikel widmet. Andererseits, und mehr noch gründet die helle Freude in der Emphase, mit welcher der Autor die Gemälde des Norwegers gegen den Vorwurf des Kitsches verteidigt und eine Lanze für eine Kunst bricht, die sich dem zeitlos Schönen verpflichtet. „In Zeiten, da Bindungsangst und Relativismus täglich fröhlichere Urstände feiern, bleibt Baades Art des Selbstbesiegelung also womöglich das letzte, nur auf den ersten Blick unscheinbare Abenteuer“, so Maron. 170 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde Baades epische Szenerie in Erinnerung der Sagen der Edda unlängst von der Folk-Black-Metal-Band Varde (Interview) zur Gestaltung ihrer ersten Vinyl-EP aufgegriffen, deren Musik mit dem in Deutschland weit verbreiteten Schlager-Kitsch (hier trifft das Wort ins Schwarze) im sich als Heidenlärm gerierenden Metal-Pop kaum etwas gemein hat.

Marina Lammers‘ das Magazin eröffnende farbenfrohe Reise-Reportage über ein Indien, in dem Dimensionen und Werte - zum Beispiel von Menschenleben - unsere („westlichen“) Ideen von „Normalität“ mitunter auf den Kopf stellen, wird dem Namen der Publikation auf mehreren Ebenen gerecht. Ich freue mich bereits auf die zweite Ausgabe, die mit dem Schwerpunktthema Ökologie erscheinen soll, und bei der hoffentlich die bisherige Silbentrennung aufgehoben wird.

Derweil ist ein ungemein lesenswertes Interview mit dem im neuseeländischen Auckland lebenden und lehrenden Germanisten und Karl-Wolfskehl-Kenner Friedrich Voit über eben jenen Dichter auf der anbruch-Homepage veröffentlicht worden. Auch hier werden, ähnlich wie im Gespräch mit Konrad Adam, Stefan George und die Bedeutung des 20. Juli 1944 diskutiert, jedoch unter offeneren Vorzeichen. Erfreulicherweise schließt der Artikel mit einem handschriftlichen Gedicht von Wolfskehl aus der Feder Voits. Solche menschlichen Spuren finden sich meinem Empfinden nach immer noch viel zu selten im Welt-umspannenden (Des-)Informationsnetz.

Aufbruch zum anbruch!

Notiert im Juli 2020

© Thor Wanzek 2018-2020
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü