Auf in den Wald! - Thorheiten

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Auf in den Wald!

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Tragen die staatlichen Freiheit einschränkenden Maßnahmen in Folge der Corona-Virus-Pandemie etwa zur Wiederentdeckung der Freiheit im Wald bei?

Nach einem Ausflug mit dem Fahrrad in den Königsforst im Osten von Köln scheint es mir, als ob genau das der Fall wäre. Nach einer zweiwöchigen Präventivquarantäne hatte ich fünf Tage zuvor zum ersten Mal wieder die Stadtwohnung verlassen, und mich bereits an jenem Morgen gewundert: Waren da nicht mehr Läufer und Radfahrer im Grünen unterwegs als sonst um diese Uhrzeit?
Wenige Tage später besteht kein Zweifel mehr: Solch ein munteres Treiben habe ich im Wald vor den Toren der Stadt - abseits von Lauf-Veranstaltungen o.ä. - lange nicht mehr erlebt. Während ich im meist gemächlichen Tempo über die Waldwege fahre, knackt es links und rechts im Unterholz. Ein Blick zur Seite lässt mich ein ums andere Mal Familien entdecken, die es sich dort offenbar gemütlich eingerichtet haben. Rucksäcke liegen auf Baumstämmen oder auf dem Waldboden, einiges deutet auf ausgedehnte Picknicks hin. Kinder turnen hier und dort herum, es wird viel gerufen, doch ein böses Wort vernehme ich während meiner rund einstündigen Fahrt durch den Forst nicht.
Am Wegesrand hat ein Vater mit zwei Kindern im Alter von rund vier Jahren einen Stapel großer Baumstämme erklommen und rastet mit den beiden in königlicher Höhe. Erlaubt ist das zwar nicht, und je nach Lagerung der Stämme sogar lebensgefährlich, doch hier ist das nicht der Fall, und die drei lassen sich im Sonnenschein die Wegzehrung schmecken, während es einige Meter weiter auf dem Waldboden raschelt und einige rostbraune Blätter sich nahezu unbemerkt heben und senken. Was wohl die Tiere von den Eindringlingen halten? Bilde ich mir ein, dass einige der Wildschweine im nahen Gehege heute ziemlich aufgekratzt durch den Wald tollen? Wahrscheinlich, denn einige andere lassen sich beim Schlammbad nicht von den Menschen stören. Etwas weiter findet sich eine unlängst mit Ästen und Zweigen neu errichtete Hütte für kleine Besucher.


Der in der Hitze des vergangenen Sommers versiegte Bach strömt nach regenreicher Winterzeit gut gefüllt durch sanfte Kurven, und in den Buchten erblicke ich ebenfalls mehr Ausflügler als selbst im Hochsommer: Zwei kleine Mädchen kraxeln auf die riesige Wurzel eines umgestürzten Baumes, daneben wirft eine Frau einen Blick auf ihr Smartphone. Doch die meisten Menschen hier lassen ihre Geräte heute in der Tasche und genießen den Abenteuerspielplatz Wald auf je eigene Weise. Ein junger Vater schubst sein Kind auf einer einfach mit einem starken Ast und einem langen Seil gebauten Schaukel an, so dass es zu schweben scheint. Ein anderer Vater wagt  mit einem Kind die Überquerung des Bachlaufs auf einem Baumstamm.
Rund hundert Meter weiter ein ähnliches Szenario, allerdings sind es hier drei Teenager, von denen zwei die Geschicklichkeit des dritten kommentieren, der durch Pendelbewegungen mit den Armen sein Gleichgewicht zu stabilisieren sucht, während er mit jugendlicher Rotzigkeit seine Freude zum Ausdruck bringt. Rein vom Erscheinungsbild machen die drei auf mich nicht den Eindruck, dass sie einen Großteil ihrer Jugend im Wald verbrächten. Das gilt auch für die beiden Mädchen und den Jungen, die sich auf eine Bank gefläzt haben und im Sonnenschein chillen. Die Entspannung ist den dreien in die Gesichter geschrieben. Auch ihr Äußeres wirkt hier auf mich in dieser Szenerie überraschend. Es gibt Typen, denen ich im Grunde bei jedem Ausflug in den Wald begegne: Läufer und Radfahrer, Wanderer und Spaziergänger, und vor allem Wochenende auch Familien mit - eher jungen - Kindern, doch heute fallen mir einige Heranwachsende ins Auge, denen ich sonst eher in Konsumtempeln wie den Köln Arcaden zu vergegnen meine, wo diese Gestalten „abhängen“, also in meiner durch und durch vorurteilsbehafteten Wahrnehmung rumlungern und wenig Sinnvolles mit sich anzufangen scheinen - mit sich und der Welt zufrieden wirken sie auf mich zumindest eher selten. Es hat etwas Heiteres, diese Menschen nun in einer Umgebung zu entdecken, die sie anscheinend schnell zu genießen lernen und die ihre Lebensgeister weckt. Ist doch kein Problem: Auch im Gangsta-Rap-Outfit lässt sich über Baumstämme turnen und balancieren.
Im Vergleich zu den dieser Tage schwach besuchten Fußgängerzonen tragen im Wald nur ganz vereinzelt Menschen Tücher vor dem Mund, Atemmasken sind nicht zu sehen - warum auch? Selbst im heute stärker denn je besuchten Wald fällt es nicht schwer, Sicherheitsabstand einzuhalten, und an der schmalen Holzbrücke, die über den Bach führt, bedanken sich die meisten sie Querenden bei jenen, die auf der anderen Seite warten und Abstand halten. Von überäßiger Eile scheint hier niemand getrieben, wobei ich von Überinterpretationen einer die Menschen einenden Wirkung des Waldes absehe. Immerhin, heute kommen die zahlreichen Ausflügler wohl gut mit- bzw. nebeneinander im Forst zurecht.


Als ich abends einen Blick auf die Lokalzeitung meines Vertrauens werfe, stelle ich amüsiert fest, dass sie heute mit einem Bild vom „Sehnsuchtsort Wald“  als Rückzugsraum in der Krise aufwartet. Der erfreulich einladend geschriebe Artikel über die Romantisierung des märchenhaften Waldes, die lange Geschichte seiner Mythisierung bis zur ideologischen Vereinnahmung durch Tunichtgute, endet mit der sympathischen Feststellung: „In Zeiten der Corona-Pandemie sind uns diese Überlegungen ziemlich egal. Da wird der Wald jenseits aller Ideologie zu dem Ort, an den wir uns träumen - und für einen Moment vergessen dürfen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist.“
Nun, selbst im Wald lässt sich bei genauerer Betrachtung kaum noch leugnen, dass so einiges „aus den Fugen geraten“ ist - doch vielleicht lässt sich gerade in Krisenzeiten erkennen, welchen kaum zu überschätzenden Wert der Wald auch für uns Menschen, und zwar für alle von uns, hat, und dass wir uns lieber um ihn kümmern sollten als jenen Dingen nachzugehen, die uns nicht so frei aufatmen und - welche Überraschung - so richtig gut chillen lassen.

Notiert im März 2020

© Thor Wanzek 2018-2020
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