Der Familienrat - Thorheiten

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Der Familienrat

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Absolute Lösungsabstinenz: Der Familienrat / Family Group Conference

Seit 1982 wird in der neuseeländischen Familienhilfe ein Verfahren angewandt, das in den Traditionen der Maori wurzelt. Die Referentinnen Erzsébet Rot und Dalal Mahra berichten in ihrem Vortrag von einem deutlichen Rückgang der Gerichtsverfahren und Inhaftierungen in Neuseeland seitdem. Den Familienrat bezeichnen sie als einen „absolut lösungsabstinenten Ansatz radikaler Betroffenheit“.

Der Rat wird von Koordinatoren vorbereitet, einberufen und moderiert, und zwar unter der Maßgabe, möglichst viele Familienmitglieder zu beteiligen, sowie mit der Haltung: Die Familie schafft es aus eigener Kraft, ihre Probleme zu lösen.
Die vergleichsweise intensive Vorbereitung des eigentlichen Familienrats bedeutet für Koordinatoren und andere Fachkräfte vor allem Netzwerkarbeit unter der Frage: „Wer hat Einfluss auf wen?“
Handelt ein Familienmitglied konflikthaft, z.B. indem es besonders aggressiv oder gar gewalttätig auftritt, und lässt sich z.B. nur im Fußballverein mit dem Trainer auf ein Gespräch ein, so gilt es für die Koordinatoren, eben diesen Trainer für den Familienrat zu gewinnen. Handelt es sich z.B. um eine Schulfreundin, einen Imam oder jemand anderen besonders Vertrauenswürdigen, so sollten diese Menschen nach Möglichkeit zum Familienrat hinzukommen, um eine Basis zu schaffen, auf welcher Menschen, die sich vielleicht alleine gelassen oder in die Enge getrieben, also mit Sicherheit überfordert fühlen, sich überhaupt ansprechen lassen und jemandem in der Runde Gehör schenken (anstatt gleich „dicht zu machen“ und nichts und niemanden an sich ran zu lassen).

Grundsätzlich gilt es bei möglichst vielen Familienmitgliedern im Vorfeld möglichst viele Ressourcen zu aktivieren. Das gilt ebenfalls für vermeintlich banale Aspekte wie die Wahl und Gestaltung des Veranstaltungsortes, oder die Zubereitung von Mahlzeiten und so weiter, weil auch diese Dinge dem Familienrat einen gewissen (und für alle erkennbaren) Wert verleihen. Die Veranstaltung sollte sich wie ein „Heimspiel“ für die Teilnehmenden anfühlen, also je nach Möglichkeit in einer Wohnung, im Vereinsheim o.ä. stattfinden – und nicht in Behördenräumen.

Nach dieser langen Vorbereitung (auf der CCC wurde ein Praxisbeispiel mit 27 Stunden Vorbereitungszeit präsentiert) kann der eigentliche Familienrat zusammenkommen. Dieser Termin gliedert sich in drei Phasen:

1. Eine Infophase, die rund eine Stunde dauert und von der Koordination moderiert wird.
2. Im exklusiven Familienrat soll das anwesende Netzwerk ohne anwesende Fachkräfte eigene Ressourcen aktivieren und einen Plan erstellen (der Plan kann wiederum die Hilfe von Fachkräften beinhalten).
3. In einer Verhandlungs- und Entscheidungsphase wird der entworfene Plan gemeinsam mit der Koordination reflektiert, (vorläufig) festgeschrieben und nach Möglichkeit erste Etappenziele vereinbart. In der Folge wird die Koordination prüfen, inwiefern die im Plan vereinbarten Schritte von einigen oder allen Familienmitgliedern umgesetzt werden; bzw. sie wird für die Familie ansprechbar sein, um ggf. weitere Sitzungen einzuberufen und auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Auf der CCC bleibt keine Zeit, um etwaige Schwächen und offensichtliche Fragen in der Tiefe zu diskutieren, z.B. wie damit umzugehen ist, wenn Familien mit der vergleichsweise großen Verantwortung, die erneut in ihre Hände gelegt wird, schlichtweg überfordert ist/bleibt, und die in sie gesetzte professionelle Erwartung („die schafft das aus eigener Kraft“) einfach nicht erfüllen kann.

Protokolliert im November 2018



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