Education for Future - Thorheiten

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Education for Future

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Das deutsche Schulsystem ist ein gnadenlos überholtes Relikt vorvergangener Zeiten. Mit seinem Zwang zum Aussortieren sowie der lebenspraktisch weitgehend nutzlosen Lernstoffe verleidet es Kindern und Jugendlichen Lernfreude wie Selbstwirksamkeit, und produziert stattdessen junge Menschen, die in kurzer Zeit große Mengen abstraktes Wissen aufnehmen, wiederkäuen und ebenso rasch vergessen, dabei jedoch keinen Plan vom Leben entwickeln, der mit ihren in der Schule leider unentdeckt bleibenden Interessen, Fähigkeiten und Talenten zusammenhängt. Einst mit großem Idealismus gestartete Lehrende leisten in diesem System zwar oft ihr Möglichstes, erschöpfen jedoch unter in den widrigen Rahmenbedingungen schnell und leisten höchstens noch Dienst nach Vorschrift, während sie ihre Frustration schließlich krank macht.
Dabei wäre alles viel einfacher, wenn wir Schulnoten und -abschlüssen weniger Bedeutung beimäßen, den Leistungsdruck erheblich verringern, die jungen Menschen ermutigen und ihnen zur Seite stehen würden, wenn sie außerhalb der Schule wichtigere, weil praktisch ein Leben lang nützliche Erfahrungen machen, sich selbstwirksam erleben und aus reiner Freude an der eigenen Entwicklung mit Feuereifer lernen.

Getreu dem Motto „Die Bildung ist tot, hoch lebe die Bildung!“ legen der renommierte Neurologe und Entwicklungsbiologe Gerald Hüther, der Sozialpädagoge Marcell Heinrich und der Sportmanager Mitch Senf ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Bildungsrevolte vor. Unter dem zeitgemäßen Hashtag „Education for Future“ fordern sie „Bildung für ein gelingendes Leben“, und ähnlich wie viele Fachleute zuvor eine radikale Überwindung von lähmenden, frustrierenden und somit destruktiven Standards im Schul- und Bildungssystem.

„Allen Beteiligten ist klar, dass es so nicht weitergehen kann“, resümiert Gerald Hüther, nachdem er auf knapp hundert Seiten seine Wahrnehmung unseres Bildungssystems halbwegs differenziert dargelegt hat. Seine wissenschaftlich fundierte, d.h. vor allem mit Erkenntnissen aus der jüngeren Neurologie angereicherte Betrachtung stellt der Hirnforscher in größere Zusammenhänge. Das umfasst z.B. ein Verständnis von Umbruchzeiten als Chance für umfassende Neugestaltungen unserer Bildungs- und Lebenswelten, ebenso wie als riskante Zeiten, in denen „Scharlatane und geistige Rattenfänger Hochkunjunktur“ haben. Gleichsam beinhaltet es ein In-Frage-Stellen von vielem Vertrauten und bislang eher wenig Hinterfragtem, denn selbst die Aufklärung mit der Hinwendung zur Wissenschaft, und somit letztlich auch seine eigene Profession, nimmt Hüther nicht von seiner Fundamentalkritik aus: „Auch Wissenschaftler sind und bleiben, so wie alle Menschen, Suchende.“
Und Suchen, vor allem das Suchen nach Sinn, treibe uns derzeit alle mehr oder weniger um, und zwar während wir selbst uns in Zusammenhängen zurechtzufinden suchen, die wir weder überschauen noch durchdringen: „Wir sind gegenwärtig nicht nur Zeugen“, so Hüther, „sondern Mitgestalter. Entstanden ist dabei eine inzwischen globalisierte und digitalisierte Welt, in der alles von allem abhängig ist und die sich so rasch verändert, dass wir selbst kaum noch mitkommen.“ Sich dies einzugestehen, sei nicht jedem in die Wiege gelegt. Vor allem jene Menschen, die äußerlich erfolgreich in - noch - bestehenden Systemen und Hierarchien funktionieren, würden sich gegen solche Einsicht wehren. Gleichzeitig führten häufig unerfreuliche Veränderungen der Rahmenbedingungen auf eine (Sinn-)Krise hin, deren Verdrängung sich z.B. körperlich niederschlägt:

Gerald Hüther (Photo: Franziska Hüther)
„Bezeichnend (...) ist die in dieser Berufsgruppe [der Lehrerinnen und Lehrer] auffallende Häufigkeit psychosomatischer Erkrankungen. Die meisten Lehrer versuchen, ihren Idealen treu zu bleiben und die Schüler so gut wie möglich auf ihrem Weg zu begleiten. Aber bei vielen führt das ständige Anrennen gegen kultusministerielle Vorgaben, gegen immer deutlicher zum Ausdruck gebrachte Forderungen und Ansprüche von Eltern und gegen das sich ausbreitende Desinteresse der Schüler zu fortschreitender Entmutigung und Resignation.“

Der Teufelskreis zeichnet sich für Hüther somit deutlich ab: Wie sollen ausgerechnet resignierende oder gar entmutigte Erwachsene einen Prozess bewirken, in dem jüngere Menschen hoffnungsvoll ermutigt werden, ihre Entdeckerfreude zu bewahren und sich selbstbewusst zu bilden? Der engagiert schreibende Autor malt sich aus, wie Menschen in einer nicht so fernen Zukunft auf das heutige Bildungssystem zurückschauen könnten. Es wäre dann wohl „nur allzu offensichtlich“, so Hüther, „dass das, was in unseren Bildungsreinrichtungen stattfindet, nicht der Bildung junger Menschen für ein gelingendes, sinnerfülltes und glückliches Leben dient. In erster Linie geht es dort, inzwischen auch schon für die ganz Kleinen, um Aufbewahrung, um Ausbildung und um Aussortierung.“ Für Menschen, die in jenen Einrichtungen viel Energie, Kreativität und Lebenszeit aufbringen, um den ihnen anvertrauten Heranwachsenden eine Bildung angedeihen zu lassen, die sich eben nicht auf obige Formeln reduzieren lässt, dürften solche vermeintlich schlauen Überlegungen besserwisserisch bis vernichtend klingen.

Doch spätestens in der Folge von Richard David Prechts „Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ scheint ein Überbietungswettbewerb ausgerufen zu sein, das deutsche Bildungssystem zu - um es mal im zeitgenössischen Youtube-Jargon zu sagen - zerstören bzw. „total zu zerfisten“. Gleichwohl Gerald Hüther sich überzeugender Argumente und bodenständiger Sprache bedient, fokussiert er meines Erachtens nach ebenfalls zu stark auf alledem, was schiefläuft, und macht das - eher automatisch als mit böser Absicht - auf dem Rücken jener, die oft genug am Rande ihrer Möglichkeiten doch noch irgendwie das Unmögliche möglich machen. Zudem geht er meines Erachtens nach zuweilen von falschen Prämissen aus: Es sollte nicht vordringliches Ziel von Bildung sein, ein „glückliches“ Leben zu ermöglichen; es sei denn, wir haben aus den vergangenen Jahren so genannter „Glücksforschung“ nichts gelernt, z.B., dass Glück sehr flüchtig und Zufriedenheit durch ein aktives Leben deutlich höher zu bewerten ist.

Von der Verwicklung zur Entwicklung

Anschaulich unterscheidet der Neurologe dabei zwischen „verwickelten“ und sich „entwickelnden“ Menschen. Verwickelte Menschen haben sich in einst sinnvolle Strukturen so stark eingenistet und an sie gewöhnt, dass sie sich nun die Wahrnehmung und das Eingeständnis nicht erlauben (können), dass diese Strukturen angesichts der vielfältig ausdifferenzierten Herausforderungen längst überholt sind. Das Ergebnis dieser Verwicklung ist nach Hüther eine Schule, welche den Kindern ihre natürliche Freude am Lernen nimmt und sie frustriert. Dabei sei es ganz normal, dass wir Menschen in überholten Strukturen verharren, selbst wenn sie uns und anderen schaden: „Überall entstehen und verfestigen sich - sobald etwas auf eine bestimmte Weise einigermaßen gut funktioniert - spezifische Beziehungsmuster und Organisationsstrukturen. Und die sind später nur noch schwer veränderbar.“ Die Krux daran: „Solange die gesellschaftlich geschaffenen Strukturen, die konkreten Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen so bleiben, wie sie bisher waren, ist auch in den Gehirnen aller Beteiligten der Rückfall in die alten Denk- und Handlungsmuster vorprogrammiert.“ Zur Entwicklung zwingen lasse sich niemand, zeigt sich Hüther überzeugt, und setzt auf die intrinsische Motivation:

„Wer sich - vielleicht schon im Elternhaus oder aber später in der Schule und im Berufsleben - bei seinen notgedrungenen Anpassungsversuchen an die vorgefundenen Gegebenheiten verwickelt hat, müsse sich zunächst erst einmal aus diesen Verwicklungen befreien, sich also entwickeln. (...) Für eine solche Entwicklung gibt es weder geeignete Methoden noch Verfahren. (...) Aus seinen Verwicklungen entwickeln kann sich jemand nur dann, wenn er es selbst auch wirklich will. (...) Wenn wir also davon überzeugt sind, dass wir dadurch freier, glücklicher und gesünder werden.“

Doch das bisherige Schulsystem entlarvt der Autor als Brutstätte unheiliger Verwicklungen auf beiden Seiten, also sowohl bei in weitgehend sinnfreien Strukturen gefangenen Lehrenden, wie auch bei in ihrer Neugier, ihren Potentialen und ihrer Bewegungsfreude weitgehend ignorierten Schülerinnen und Schülern. Hüthers Fazit fällt unmissverständlich aus: „Wem die Freude am Lernen unterwegs verloren gegangen - oder noch deutlicher: verdorben worden -ist, der wird keinen Weg in diese neue [globalisierte und digitalisierte] Welt finden. Ob mit oder ohne Abitur ist dabei egal.“


Die totale Aufbruchstimmung zwischen zwei Buchdeckeln: die Hero Society hebt ab

So kritisch zugespitzt sich Hüthers Bestandsaufnahme liest, so abgehoben bis größenwahnsinnig scheint mir die Einschätzung seiner beiden Co-Autoren zu Beginn des zweiten Teils des Buches, die angesichts der „enormen Gestaltungsmöglichkeiten“ davon ausgehen, dass „das Leben unserer Jüngsten besser gelingen könnte als jedes menschliche Leben zuvor“ (Hervorhebung durch den Rezensenten). Gegen Optimismus habe ich nichts einzuwenden, doch solch eine Aussage erinnert mich vor allem an Trump’sche Rhethorik. Vielleicht haben sich Marcell Heinrich und Mitch Senf jedoch nur von der euphorischen Aufbruchstimmung und dem Flow anstecken lassen, die sie bei Heranwachsenden wecken wollen? Oder vielleicht auch von der „Berufskrankheit“ des Vortragsredners oder Coaches, deren Job es nun mal ist, Zuhörer und andere Menschen mitzureißen und zu motivieren?

Wie dem auch sei, die beiden Überzeugungstäter und Gründer der „Hero Society“ machen sich für Bildungsräume stark, in denen sich Kinder und Jugendliche, vom Leistungsdruck befreit, selbst gewählten Herausforderungen widmen und in Begleitung sie ermutigender Mentoren Selbstgewissheit entwickeln können. Denn wer sich seiner selbst gewiss ist, so die Autoren, der wird im Leben auch die meisten Umbrüche vergleichsweise gelassen meistern. Um diese These zu untermauern, schildern sie die Ent-wicklungen von drei jungen Menschen als Breakdancer, Rap-Produzent/-Musiker und Friday-for-Future-Aktivistin aus Mentoren-Perspektive, d.h. mit besonderem Augenmerk auf die Fertigkeiten, welche die jungen Menschen in ihren Aktivitäten für ihr Leben erwerben und sich im wahrsten Sinne des Wortes bilden. „Das, wonach sie [die jungen Menschen] suchen, lässt sich nicht durch Unterricht vermitteln“, so der ehemalige Schulsozialarbeiter Heinrich und der frühere Spitzensportler Senf, deren Urteil über das Schulsystem kaum milder ausfällt als das Hüthers, die allerdings eine Lanze für die in diesem System arbeitenden Menschen brechen:

Marcell Heinrich & Mitch Senf (Photo: Robert Strehler)
„Wir wissen, wovon wir sprechen, und haben höchste Wertschätzung für das, was Lehrer täglich leisten. Wir brauchen sie dringend, und sie verdienen unsere größte Unterstützung. Für das Fortbestehen unserer Demokratie sind sie entscheidend. Erst recht in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche sind sie wichtige moralische Instanzen für die junge Generation. Besonders hervorheben möchten wir die ‚analogen‘ Lehrer, die wenig technikaffin sind und sich im Digitalisierungswahn als ‚altes Eisen‘ wahrnehmen. Gerade sie sind jetzt gefragt, um zwischenmenschlichen Umgang zu kultivieren, um ethische Folgen abzuschätzen. Zum Verständnis von Massenbeeinflussung, Mitbestimmung und Minderheitenschutz bedarf es keiner Programmiersprache. (...) Viele Lehrer leisten gute Arbeit aus guten Gründen. Das einzige Problem ist nur der schon erwähnte Konflikt: Der Auftrag, die Schützlinge zu selektieren, und der geringe soziale Freiraum im straffen Alltag widerstrebt vielen. (...) Die meisten Lehrer starten mit Idealen. Viele geben sie jedoch irgendwann auf.“

Diese Wertschätzung teile ich fundamental, und ich teile sie mehr als die Fundamentalkritik am Bildungsort Schule, an dem es eben nicht nur um Lehrpläne, Noten und Auswahl geht. So begegnen nicht nur mir erschreckend viele Eltern, die, selbst während sie Kinder aus der Schule oder aus der OGS abholen, mit einem Smartphone in der Hand, das sie so zu hypnotisieren scheint, dass sie nicht mehr smart genug sind, ihren eigenen Kindern eine freudige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Education haben wir alle in vielerlei Hinsicht ein Leben lang nötig, zum Beispiel auch was die Nutzung von Medien angeht.
Zum spontanen Kauf des Buches entschloss ich mich übrigens, als ich im Klappentext las, dass Marcell Heinrich u.a. als Schulsozialarbeiter tätig war. Meine Hoffnung, als Berufseinsteiger Handlungsempfehlungen und nützliche Hinweise zu finden, wurde keineswegs enttäuscht. In meiner Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen hat mich die Lektüre bestärkt, denn die Idee, das Heroische im Menschen hervorzulocken und zu fördern, ist mir weder als Pädagoge noch als Metal-Fan fremd.

Außerhalb (zu) enger Bildungssysteme wollen Heinrich und Senf den Heranwachsenden Raum und Zeit geben, den jeweils individuell passenden (Helden-)Umhang zu finden. Das heißt, dass sie jedem jungen Menschen zugestehen, dass sie oder er eigene Interessen, Ideen, Wünsche, Pläne, Kompetenzen und Fertigkeiten entwickeln kann - und zwar auf quasi heldenhafte Weise. Und jede(r) junge Held(in) ist auf Schützenhilfe angewiesen. Die Autoren bezeichnen solche Zuversicht, Ermutigung und Gelassenheit ausstrahlenden Menschen als Mentoren. Ein solcher Mentor hat über zehn Jahre lang Falk begleitet, einen Jungen, der ab der dritten Klasse in keiner Schule mehr zurecht kam, jedoch nicht zuletzt dank eines vertrauensvollen Mentors viele Hürden und Rückschläge überwand und seinen Weg als Musikproduzent meisterte.
Marcell Heinrich alias Doppel L hat sogar einen Song zum Buch geschrieben.
Dieses Beispiel für ein gelingendes Leben ohne herkömmliche (Aus-)Bildungskarrieren kann ich ohne Weiteres nachvollziehen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis tummeln sich Künstler, Musiker, Autoren, Produzenten, Konzertveranstalter und Kreative. Einige von ihnen haben aus ihrem einstigen Hobby, das sie bereits als Jugendliche mit großer Leidenschaft betrieben, eine Profession gemacht, die sie Jahre und Jahrzehnte später in ihrer Freizeit, neben- oder sogar hauptberuflich betreiben. Bei keinem von ihnen war im jungen Erwachsenenalter abzusehen, wohin genau sie ihre Hingabe und ihre Lernfreude tragen werden. Allerdings war ihnen selbst, in vielen Fällen auch ihrer Familie und ihren Freunden klar, dass sie es sehr ernst meinen und ihre Vertiefung z.B. ins Gitarrenspiel, in Aufnahmetechnik oder Illustration mehr bedeutet als ein gewöhnliches Hobby, ja, dass es einer Art von privatem Studium nahekommt, welches zu eigener Meisterschaft führt. Längst nicht jeder von ihnen kann heute davon leben, geschweige denn eine Familie ernähren, für viele bleibt es bei nebenberuflichen Commitments im nicht immer reibungsarmen Arrangement mit einer Teilzeitbeschäftigung in einem Job, der eben das nötige Geld in die Kasse spült, um sich weiter im obigen Sinne „bilden“ zu können. Und doch kenne ich einige Menschen, die derweil ihr Leben, mitunter sogar ihr Familienleben, auf ihre eigenwillig - nicht um zu sagen: dickköpfig - erworbene Meisterschaft gründen, und deren Expertise z.B. in ihrer Musikszene international nachgefragt wird.

Insofern kann ich der Argumentation der Autoren einerseits problemlos folgen. Andererseits weiß ich, welche Ausnahmen von der Regel diese Menschen darstellen - und welche Bürden sie auf sich genommen haben - und manchmal auch nach Jahrzehnten noch nehmen (müssen), um ihr Leben als Kreative zu meistern. Wenn mir also heute ein Kind oder ein Jugendlicher von der Karriere als Youtube-Star, Influencer oder Musiker vorschwärmt, male ich selbige sicher nicht sofort in rosaroten Farben aus und versichere, dass das schon irgendwie klappen wird - sondern äußere Bedenken und Zweifel, die nun mal auch auf einer gewissen Lebenserfahrung gründen. Wenn ich jedoch merke, dass mein Gegenüber sich auf diese mir bekannte, absolut hingebungsvolle Weise der Bildung gewisser Fähigkeiten widmet, dann werde ich einen Teufel tun, es auszubremsen. Erstens weiß ich, dass das nicht funktioniert, und zweitens habe ich oft genug selbst erlebt, welche Bildungsmöglichkeiten in Jugend- und kreativen Szenen liegen. Hier können Fertigkeiten erlernt werden, die in zahlreichen Berufen wertvoll sind, und zwar auf eine so eigenverantwortliche Art und Weise, wie sie in der Schule oder im mittlerweile stark verschulten Studium - kaum noch oder noch nicht - möglich sind.

Teilweise alarmistisch und abgehoben - dennoch mit vielen guten Impulsen und Wegweisern

Letztlich hinterlässt „Education for Future“ einen ziespältigen Eindruck bei mir: Gerald Hüthers mit alarmistischen Untertönen verfassten Abgesang auf ein Schulsystem, das in erster Linie jungen Menschen die Freude am Lernen verdirbt, hätte es nicht gebraucht angesichts seines von mir uneingeschränkt unterstützten Plädoyers für neu zu entwickelnde Bildungsformen und -orte für junge Menschen, „die es ihnen ermöglichen, ihr Zusammenleben mit anderen Menschen und mit anderen Lebewesen auf unserem Planeten so zu gestalten, dass sich das Leben in seinen vielfältigen Formen hier auch in Zukunft entfalten kann“. Lieber Herr Hüther, selbst in mangelhaft bis katastrophal ausgestatteten Schulen werden junge Menschen in ihrer Lernfreude nicht zwangsweise verdorben, sondern im Gegenteil, viele werden trotzdem ermutigt und inspiriert - wirklich, schauen Sie mal in der einen oder anderen Schule vorbei, Sie werden staunen!
Besser gefällt mir hingegen der zweite, von Marcell Heinrich und Mitch Senf verfasste Teil des Buchs, gleichwohl ich mich beim Lesen wiederholt fragte, ob den beiden die Euphorie quasi berufsbedingt aus allen Poren spritzt und sie es mitunter nicht ein wenig damit übertreiben. Das ändert jedoch nichts daran, dass ihre Impulse grundsätzlich wertvoll sind und sicher einigen Lesern neue, und zwar hoffnungsvolle und ermutigende Perspektiven eröffnen: Nur weil ein Kind in der Schule kein bisschen zurechtkommt, ist nicht gleich das ganze Leben bis ans Ende aller Tage verpfuscht. Tatsächlich ist auch das keine neue Erkenntnis, doch die aktuellen Beispiele, z.B. der sich für Fridays for Future engagierenden jungen Frau, weiten den Blick auf eigenverantwortliches Handeln, das viel ideologischer Kritik ausgesetzt und somit oft leider radikaler Verkürzung unterworfen ist. Die jungen Menschen ent-wickeln auch hier um einiges mehr, als es auf den ersten oder zweiten Blick den Anschein haben mag. Das verdeutlicht Marcell Heinrich in seiner Darstellung nachhaltig.
In dieser Hinsicht kann „Education for Future“ als Inspirationsquelle dienen, die eigenen Sinne zu schärfen und nach menschlichen Qualitäten jenseits der in der Schule in erster Linie geforderten Kompetenzen Ausschau zu halten - wobei ich mir sicher bin, dass viele Akteure im Schulsystem genau das bereits neben vielem anderen auch machen. Die im letzten Drittel des Buches ausführlich dargestellten Entwicklungswege junger Mensche mögen neben Professionellen auch Eltern beruhigen, wenn das eigene Kind in der Schule partout nicht voran kommt, doch andernorts bemerkenswerten Lerneifer und Durchhaltewillen zeigt. Dass dies bei vielen Kindern, die „auf keinen grünen Zweig kommen“, keineswegs der Regelfall sein dürfte, selbst wenn sie Mentoren begegnen, darüber schweigen sich die Autoren aus, womit sie es sich meines Erachtens nach auch ein bisschen bequem in ihren eigenen Helden-Blasen machen.

Education for Future (Leseprobe) ist am 17.02.2020 im Goldmann Verlag erschienen und schlägt mit 22.00 € zu Buche.

Notiert im März 2020

Sehenswert: Gerald Hüthers neurologisch fundierte Kritik an einer Form von Schule, die einem Kind zu verstehen gibt, "dass es so, wie es ist, nicht richtig ist".

© Thor Wanzek 2018-2020
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