Engel über Europa - Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Engel über Europa

Texte > Rezensionen

Freude am Birkenblatt oder der Schwinge einer Nebelkrähe

In einer Hyper-Moderne, die, je nach Blickwinkel und Fokus, als "flüchtig" oder "pausenlos" beschrieben wird, lädt der Autor und Filmemacher Rüdiger Sünner mit seinem jüngsten Buch über den Dichter Rainer Maria Rilke einmal mehr zum Innehalten und Entdecken ein. Wer diese Einladung annimmt, wird Zeuge, mit welcher Kraft die Poesie den Autor ausstattet, um eine neugierige Spurensuche zu beginnen und mit wachsender Zuversicht ein spirituelles Fundament freizulegen, das in Zeiten viel beschworener "Achtsamkeit" den Blick für naheliegende Kraftquellen schärft, sowie für größere Perspektiven weitet.

Wer mit einigen Büchern oder Filmen von Rüdiger Sünner bereits vertraut ist, der erkennt wohl auch bei dieser Annäherung an Rilke seinen behutsamen Zugang wieder. So hörte ich bei der Lektüre vor meinem inneren Ohr ein ums andere Mal die ruhige Erzählstimme aus den mir bekannten Dokumentationen, obschon einige Jahre verstrichen sind, seitdem ich mir "Abenteuer Anthroposophie" anschaute. Den Film über "Rilke als Gottsucher" habe ich bislang nicht gesehen. Gleichwohl vermittelt das Buch eine lebendige Idee von den Dreharbeiten, und ich kann mir bereits in meiner Phantasie ausmalen, wie viel Zeit Sünner seinen ausgesuchten Motiven im Zusammenspiel mit der Dichtung einräumt, damit sie ihre beinahe meditative Wirkung entfalten können.

Beherzt erzählt der Autor von seiner ersten Vergegnung mit Rilke als Dichter, zu dem ihm der Zugang über Jahrzehnte hinweg verwehrt bleibt, weil der autoritäre und unnahbare Vater lange Zeit dazwischensteht. Mit seiner diesbezüglichen Erinnerung gewährt Sünner persönliche Einblicke, und spricht quasi zwischen den Zeilen eine Erlaubnis aus, die wohl einige Leser ermutigen dürfte, ähnliche Erfahrungen mit zeitlichem Abstand aufs Neue zu betrachten und ggf. tradierte Zweifel und Unbehagen abzuschütteln - und vielleicht einen inspirierenden Menschen (neu) zu entdecken.

Wie so einige der dichterisch-nachdenklichen Geister, die Sünner bereits portraitiert hat, konnte sich auch Rilke nicht mit dem vermeintlich barmherzigen Gott der Kirchen anfreunden, sondern spürte einem göttlichen Wirken vor allem in der Natur nach. Leser, die zwar den Kirchen, nicht jedoch "Gott" den Rücken gekehrt haben, werden vielleicht Parallelen zu ihrer eigenen spirituellen Suche erkennen. Rilke stellte weder in Frage, dass Religionen und Götter von Menschen erschaffen werden, noch dass Religion eine essentielle Facette des Menschseins ist, doch bleibt seine Suche eine ahnungsvolle Annäherung an das prinzipiell Unsagbare.

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn. (Auszug)

Zu Beginn des ersten Weltkriegs schreibt Rilke von einem Brand schleudernden, glühenden Schlacht-Gott als einem willkommenen Gegenspieler zu einem friedlichen Gott, mit dem es letztlich kaum noch zur Begegnung gekommen sei. Sünner spürt auch in diesen Zeilen das beständige Ringen eines ebenso feinfühligen wie kühnen Suchers nach, der sich auf seiner Suche von seiner Begeisterung gelegentlich weit forttragen lässt, jedoch immer wieder im Hier und Jetzt anlangt, und dabei ein kindhaftes Schauen und Staunen nicht verlernt. So erfreut sich der Dichter "an einem Birkenblatt (...) oder der Schwinge einer Nebelkrähe so innig (...) wie an einem großen Gebirge", und notiert, dass "eine große und ewige Schönheit durch die ganze Welt" gehe.

In Zeiten, in denen die lautstark geforderte Bewahrung des Eigenen wieder stärker gegen das bzw. die Fremde(n) auf eine entseelte Haltung hinausläuft, in welcher vor allem der Verlust des Menschlichen offenbar wird, eröffnet Rüdiger Sünner mit "Engel über Europa" höchst unwahrscheinliche und gerade deshalb mir willkommene Perspektiven, die allzu Zeitgemäßes transzendieren. Trotz der zu Beginn des Buches beschworenen Schwere des Lebens, die es nach Rilke anzunehmen gelte, gelingt die Spurensuche mit eigener Leichtigkeit.


Mehr zu Rilkes Suche von Burkhard Reinartz beim Deutschlandfunk: „Das musst du wissen, dass dich Gott durchweht von Anbeginn“

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü