Futur Zwei : Lechts - Rinks - Thorheiten

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Futur Zwei : Lechts - Rinks

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Raus aus dem Schützengraben!

Für manche mag es revolutionär klingen, für manch andere verdächtig nach einem Diskusziel irgendwie „rechter“ Strategen, doch der Impuls, den das taz-Magazin FUTUR ZWEI mit seiner „Schwelpunkt“-Ausgabe setzt, ist ein ziemlich pragmatischer: Die Überwindung veralteter und verhärteter Feindstellungen von „links“ und „rechts“ zugunsten von neu zu entwickelnden Begriffen und Haltungen, mit denen sich - ganz pragmatisch - zukunftsweisend zusammenarbeiten lassen soll.

Dass sich ausgerechnet Harald Welzer dieses Themas annimmt, und dass er für seinen Vorstoß ausgerechnet Isolde Charim, Luisa Neubauer oder Daniel Cohn-Bendit an Bord holt, wird zwar Zweifel bis Argwohn bei vielen sich als „links“ oder „rechts“ identifizierenden Menschen zunächst kaum abmildern können, räumt jedoch einen Verdacht von vorneherein aus: Hier ergreift niemand das Wort, der Menschen verachtende rechtsextreme Ideologie unterschätzt oder gar verharmlost. Von einem nun seit Jahrzehnten fröhlich-lebensmutig und immer wieder erfrischend verwegen vorausdenkenden Harald Welzer vermute ich zudem, dass er auch linksextremistischen Ideen mehr als skeptisch gegenübersteht, und die Gewalt dieses Lagers gleichsam ablehnt.

Harald Welzer (Photo: Martin Kraft / Wikipedia)
In seinem die Ausgabe „Lechts und Rinks kann man velgessen“ eröffnenden, mit Verve geschriebenen Plädoyer macht sich der streitbare Sozialpsychologe also für „neue Begriffe und neue Haltungen“ stark. Links und rechts differenzierten längst nicht mehr bei entscheidenden Fragen, und ebenso wenig ließen sich zeitgenössische Denker wie Niko Paech, Hartmut Rosa oder Ulrike Guérot völlig trennscharf nur einem Spektrum zuordnen. „Das Entscheidende im 21. Jahrhundert“, so Welzer, sei „die Frage, ob es gelingt das Primat zu wechseln - von der wirtschaftlichen zur ökologischen Frage. Und zu verstehen, dass jede funktionierende, weil dienende Wirtschaft vom Vorhandensein einer halbwegs intakten Natur - als Quelle aller Gebrauchswerte - abhängig ist.“ Das sei allenthalben fortschrittlicher, als sich ständig in floskelhafter Selbstversicherung - zum Beispiel „gegen Rechts“ - zu wiederholen, dabei kaum mehr als Polit-Folklore zu betreiben, und grün zu wählen, ohne sich mal allmählich klar zu machen, dass die Grünen längst eine „systemaffine Staatspartei“ geworden sind.

Ähnlich sieht das Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, die angesichts der vor allem aus einer Richtung massiv gegen sie betriebenen Hetze eigentlich kein Problem haben dürfte, sich links zu verorten, und die - für viele deshalb sicher wider Erwarten - gleich in der Überschrift ihres Beitrags klarstellt: „Die Klimakrise kann nicht links gelöst werden.“ Während Welzer betont, dass seine Erkenntnis, dass „’links‘ nichts mehr auf der Tasche habe“ mit Melancholie einherginge, räumt Neubauer Kraft ihrer Jugend auf: „Die Grünen haben diese Zuschreibung als Öko-Partei (...) zelebriert. Es hat sie groß gemacht, fair enough, nur haben sie es verpasst, rechtzeitig Mehrheiten für die Sache zu mobilisieren, statt das Label zu polieren. Es sind auch die Defizite grüner Parteipolitik, die Fridays for Future notwendig gemacht haben.“ Neubauer bekräftigt, dass eine stabile Sozialpolitik einzig und allein auf ökologischer Politik gründen können wird, und dass beides keine Aufgaben sind, welche die Grünen und die Linken alleine stemmen können. Umso entschiedener wettert auch sie gegen eine ebenso sinnfreie wie unrühmliche Polit-Folklore:

Luisa Neubauer 2019 (Photo: Andol / Wikipedia)
„Statt die Klimakrise als politische Krise anzuerkennen, die ihre Brisanz ausschließlich, und das lasse man sich auf der Zunge zergehen, AUSSCHLIESSLICH dadurch erlangt har, weil politische Instanzen zum gegebenen Zeitpunkt versagt haben, greift man zur eigenen Heroisierung und übernimmt die Rolle des Helden, der vor der selbstverschuldeten Notwendigkeit klimapolitischen Handelns bewahrt.“

Im Hinblick auf implodierende ehemalige Volksparteien sagt die Aktivistin Partei-Bündnisse voraus, mit den heute nur wenige rechnen - und macht Mut: So etwas gehöre nun mal zur „Schönheit von disruptivem Wandel“. Es sei denn, wir würden uns die Fehler der Vergangenheit und insbesondere das Outsourcen des Klimaschutzes an die ökologische Linke nicht eingestehen, denn „wer heute nich begreift, dass der Wettbewerb manifester ökologischer Programmatiken kein linker ist (...), hat schon verloren. Gewinnen werden dann erst die Grünen und später die Populisten. Bevor schließlich alle verlieren.“

Der ur-grüne EU-Politiker Daniel Cohn-Bendit formuliert die Schwerpunktverschiebung ebenso klar: „Das linkstraditionelle Empfinden lautet: Die Ungerechtigkeit ist das größte Problem der Gesellschaft. Der ökologische Ansatz ist: Wie muss man den Kapitalismus ökologisch regulieren? Das ist der große Unterschied, der sich in den letzten zehn Jahren herauskristallisiert.“ Insofern stimmt er Luisa Neubauer zu und anerkennt die Notwendigkeit einer die Gesellschaft neu organisierenden Politik ebenso wie die Vehemenz, mit der Fridays for Future dieser Notwendigkeit Ausdruck verleiht. Sein vergleichsweise altersmilder Beitrag lässt persönliche Bereitschaft zur Verantwortung für eine Politik jenseits blutarmer Traditionen erkennen, und gleichzeitig die Wahrnehmung zahlreicher sozialer Widersprüche, welche unsere Demokratie derzeit spiegelt.
So erfrischend und ermutigend die Lektüre der 12. Ausgabe von FUTUR ZWEI ist, so angenehm unaufgeregt, eindeutig, kurz und knapp fällt auch das Fazit der AutorInnen zur Bedeutung der „AfD“ im Hinblick auf die wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart aus: Bei aller Verschiedenheit eint sie die Feststellung, dass diese Partei programmatisch schlichtweg nichts Beachtenswertes zu bieten hat.

„Wenn Welzer vom Primat des ökologischen über die wirtschaftliche Frage spricht, dann bedeutet dies (...), dass es einen Vorrang der Gesellschaft vor der Wirtschaft geben muss und das heißt: eine gesellschaftliche ‚Einbettung‘ der Ökonomie. Anders gesagt: Deren politische Begrenzung. Genau das bedeutet ja Regulierung. Und genau hier liegt das neue Linkssein. Jenes Links, das vom sozialökonomischen Zusammenhang geleitet ist. (...) Wenn die Logik von Wachstum und Markt nicht einmal ansatzweise reduziert wird, wenn Ökologie auch noch in den Konkurrenzkapitalismus eingespeist wird. Wenn der erschlaffte Neoliberalismus gerade aus der ökologischen Umrüstung noch einmal angeheizt und befeuert wird - also ungehemmt der Deregulierung frönt, dann ist genau dies das Signum des - ökologisch erneuerten Rechts. Jenes Rechts, das den Vorrang der Gesellschaft zum neuen Geschäftsmodell der Ökonomie macht.“

Philosophin Isolde Charim kontrastiert „links“ und „rechts“ aufs Neue und formuliert in der Themenausgabe einen überlegenswerten Einspruch

Erfreulich ist auch, ich wiederhole mich, dass der Impuls im FUTUR ZWEI von „Unverdächtigen“ formuliert wird. Ich bin gespannt, wie dieser Impuls wirkt und wozu er motivieren mag. Bislang erlebte ich selbst in meinem Freundes- und Bekanntenkreis viel Unmut, Empörung und sogar die Aufkündigung von Freundschaft, wenn ich darauf hinwies, dass es doch bemerkenswert sei, wenn Intellektuelle von links, namentlich Zygmunt Bauman, und von rechts, namentlich Alain de Benoist, überraschend ähnlich über das Unzeitgemäße der Kategorien „links“ und „rechts“ nachdächten. Dabei scheint mir die Überlegung, dass die drohenden Folgen einer seelenlosen Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde nicht mit einem Ausruhen auf „mir könnt ihr nichts vorwerfen, denn ich war ein Leben lang links / rechts“ abgewandt werden, weit weniger ketzerisch als einfach naheliegend.

Insofern stimme ich dem Journalisten und Autor Arno Frank in seinem Fazit zu, dass es an der Zeit sei, die in ihrer steten Widerholung ziemlich phantasielosen Duelle linker wie rechter Deuter des Zeitgeschehens inklusive der moralisch überheblichen Selbstvergewisserung, auf der „guten“ Seite zu stehen, hinter uns zu lassen. Doch ob das gelingt? „Dazu würde gehören, einfach aus dem Schützengraben zu steigen, und (...) den Krieg für beendet zu erklären", so Frank, der nüchtern anmerkt: "Es gibt größere Probleme als die Frage, wer den ‚common ground‘ besetzt und die meisten Gebietsgewinne verzeichnen kann. Es ginge darum, das Gebiet zu retten. Und den Blick für das tatsächlich Gemeinsame zu schärfen.“ (Hervorh. wie im Original)

Notiert im März 2020


Harald Welzer im Gespräch mit Jung und Naiv

© Thor Wanzek 2018-2020
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