Futur Zwei : Verborgene Wirklichkeit - Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Futur Zwei : Verborgene Wirklichkeit

Texte > Rezensionen
„Eine Lerngeschichte aus der Krise formen“ möchte Harald Welzer, umtriebiger Herausgeber von FUTUR ZWEI, dessen neue Ausgabe ich einmal mehr mit Vergnügen gelesen habe. Doch was habe ich selbst bei der Lektüre gelernt - habe ich überhaupt etwas gelernt, oder doch nur Zeit verplempert, indem ich eine Weltsicht bestätigt fand, die mir denkfaulem Einfaltspinsel ohnehin zu eigen ist...?

„Eigentlich liefern nämlich im Betrieb alle ab, was sie immer abliefern, nur eben jetzt mal unter Corona-Bedingungen“, resümiert Welzer mit Blick diverse Kunst- und Kulturschaffende, und stellt die Sinnhaftigkeit dieser quasi unbeirrten Produktionen angesichts der Krise und der sich in ihrem Schlepptau neu eröffnenden Möglichkeitsräume in Frage. „Unser Leben ist strukturiert von der Erwartung, dass es morgen, in drei Monaten, übernächstes Jahr im Großen und Ganzen noch genauso ist wie heute, und dass wir, wie alle anderen, auch morgen, in drei Monaten oder übernächstes Jahr gebraucht werden. Bei der Intensivpflegerin ist diese Erwartung jetzt eindeutig bestätigt, aber beim Philosophen oder der Großkünstlerin?“

Die Frage hat Antworten verdient, finde ich. Dass Pflegekräfte in naher wie mittelfristiger und sogar ferner Zukunft für unser aller Wohlergehen benötigt werden, stand wohl auch „vor Corona“ für fast jeden außer Frage, der auf ihre Hilfe mehr oder weniger direkt angewiesen war, oder in der Pflege bzw. Pflege-nahen Berufen unterwegs war. Dass sich Pflegekräfte derweil doppelt und dreifach verarscht vorkommen, wenn ihnen über einige Wochen abends Applaus gespendet wird, während sich an ihrer Entlohnung (in der sich Wertschätzung nun mal ganz wesentlich spiegelt) kaum etwas ändert, dürften zumindest jene Menschen mitbekommen haben, die es nicht allein beim demonstrativen Schaut-doch-mal-her-was-für-ein-guter-Mensch-ich-bin-Applaus beließen. Dass auch andere im engeren wie weiteren Sinne „soziale Berufe“ nicht ganz unwichtig sind, dämmerte meinem Eindruck nach unlängst zahlreichen Menschen. In dieser Hinsicht erfahre ich selbst eine immense Bandbreite an Reaktionen, die ich im Positiven wie Negativen bemerkenswert finde - weil sie in der Tat den Ausgangspunkt neuer Lernerfahrungen darstellen können. Denn auch dort, wo mir im Zwischenmenschlichen nun Skepsis, Angst und Widerstand begegnen, lässt sich daraus bestenfalls lernen.

Harald Welzer
Bild: Martin Kraft (photo.martinkraft.com) Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Doch zurück zu den Kulturschaffenden: Ehrlich gesagt bin ich sehr froh über jene Musiker, die - im Wortlaut Welzers - unter Corona-Bedingungen abliefern, was sie immer abliefern. Im vergleichsweise dünn besiedelten Norwegen, in dem der landeseigene Heavy Metal als Kulturgut weithin anerkannt und stark gefördert wird, dauerte es nur ein paar Wochen, bis erste Bands professionell gestreamte Konzerte in Top-Qualität ablieferten und Fans in aller Welt zeigten: Es geht weiter, wir sind nach wie vor für Euch am Start und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wieder vor Euch auf einer echten Bühne stehen. In dieser Hinsicht lieferten Bands wie Enslaved oder Vreid ab „wie immer“ - und sogar mehr noch: Die Letztgenannten spielten ein Konzert vor der prächtigen Kulisse des Sognedals und luden ihre Fans quasi per Stream in „ihr“ Dorf am Fuß der Berge und am Rande des Fjords ein. In Zeiten, in denen herkömmliche Konzerte keine Option sind, habe ich mich über solche Angebote ungemein gefreut. Und ja, im Hinblick auf solche Darbietungen wünsche ich mir in der Tat, dass es möglichst bald so weitergeht wie „vor Corona“, sprich: Dass ich mich mit Freunden auf Konzerten treffen und Live-Musik mit allem Drum und Dran genießen kann, bestenfalls ohne Sicherheitsabstand und mit sorgenfrei genossenem Frischgezapften. Ich wüsste auch nicht, was an dieser lieb gewonnenen „Normalität“ vergangener Jahre verwerflich sein sollte.
Doch Welzer zielt weniger auf Live-Musik, wenn er vom „Scheitern unserer bisherigen Strategien (...), die Welt zu verstehen und zu gestalten“ schreibt. Der Sozialpsychologe hält fest:

„Die Welt zeigt sich anders, als wir sie kannten. Und man wird sie nur verstehen können, wenn man sich erstmal auf die Möglichkeit einlässt, dass es - falls es ein ‚hinterher‘ gibt - hinterher alles anders gewesen sein wird als vorher.“

Als Vertreter des radikalen Konstruktivismus sehe ich das ähnlich: Die Welt IST anders, als wir sie zu kennen meinen, und es lohnt sich, sie stets offen und aus anderem Blickwinkel neu wahrzunehmen. Solange wir verstehen lernen, wie wir Welt (mit unserem bescheidenen Verstand) verstehen, ermöglichen wir uns selbst, ohnehin sich vollziehenden Wandel positiv zu begleiten oder auch ein bisschen weniger destruktiv mitzugestalten.

Ein spannendes Beispiel für einen Bewusstseinswandel stellt die mir - bis dato gänzlich unbekannte - „Influencerin“ Diana zur Löwen dar, die im Interview mit Harald Welzer erklärt, wie sie ihre eigene Politisierung in Folge der Fridays-for-Future-Bewegung erlebt. „Ich gehe natürlich demonstrieren und versuche so nachhaltig zu leben, wie mir möglich ist“, gibt die 24-jährige Mehr-als-Mode-Expertin zu Protokoll, die nun nach eigenen Angaben in Cambridge einen Kurs in Sustainability Leadership belegt und Unternehmen influencen möchte, nachhaltiger zu wirtschaften. Es spricht für die ansteckende Zuversicht Welzers, dieses sehr, sehr unwahrscheinliche Gespräch zu führen und zu publizieren. Eine Forsetzung könnte spannend sein, denn die professionelle Instagram-Nutzerin hat hoffentlich noch ein langes Leben vor sich, um ihr gerade erst gewecktes politisches Interesse und Engagement zu vertiefen und auszubauen.

Wenn ich dank FUTUR ZWEI gelernt habe, mit welcher Einschätzung ich offensichtlich eine Weile ziemlich daneben lag, dann betrifft das u.a. meine einstige Be- bzw. Verurteilung von Luisa Neubauer. Diese skizziert in ihrem Artikel „The Long Goodbye“ die Idee der „Exnovation“ (anstelle von Innovation), die folgendes besagt: „Ob bereichernde Ideen fruchten, hängt davon ab, inwieweit wir bereit sind, uns von alten Ideen zu lösen.“ Und das, so die junge Klima-Aktivistin, falle uns ziemlich schwer, wenngleich doch auf der Hand liege: „Abschied von früheren Innovationen [ist] nichts anderes als die Anerkennung, dass selbst die beste Idee irgendwann aus der Zeit fällt.“ Neubauer nimmt ein weit verbreitetes, vor Angst verkrampftes Festhalten an alten Normalitäten fest, die - obwohl die aktuelle Krise uns durchaus Anlass und Zeit zur Reflektion bieten - viel zu selten in Frage gestellt werden. „Weil Bewährtes mächtiger ist, bleiben die guten neuen Ideen ein Beiwerk zur dröhnenden Normalitätsmaschinerie, die in ihrer rücksichtslosen Sperrigkeit den Gegenwartsraum einnimmt“, konstatiert die junge Frau, und sagt voraus: „Genau dieser Mechanismus verhindert, dass aus Corona-Politik mehr wird als eine sehr teure Wiederbelebung einer maroden Wirtschaft.“
Luisa Neubauer
Bild: OT, Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leider muss ich ihr beipflichten: Die vorübergehende Erfahrung, wie befreiend es sein kann, auf einem Fahrrad durch die Kölner Innenstadt zu fahren, in der deutlich weniger Autos unterwegs sind, bleibt vorerst eine schöne Erinnerung, während nun wieder die Blechlawinen rollen und der Stress auf vielen Seiten enorm zugenommen hat - eine Normalität, auf die ich liebend gerne verzichten würde (und die meine Wahlentscheidung auf kommunaler Ebene sicherlich beeinflussen wird). Ich wünsche Frau Neubauer, Greta Thunberg und den anderen Aktivistinnen, dass sie dieser Tage nicht nur das Gehör der Kanzlerin finden, sondern dass ihre Einlassungen auch nachhaltige Veränderungen auf politischer Ebene antreiben.

Wolf Otter
Bild: Stephan Roehl (http://www.stephan-roehl.de), Lizenz: CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons
In Anlehnung an eine von Otfried Preußler ersonnene Figur bezeichnet der Autor Wolf Lotter die sich aus Faulheit, Feigheit und Unmündigkeit speisende Ignoranz gegenüber den Möglichkeiten zum kreativen Wandel als „Zwackelmann-Syndrom“. Selbiges sei „typisch für Transformationszeiten wie diese“ jetzige, so Lotter: „Die alte Macht geht zu Ende, die neue aber hat noch gar nicht begriffen, dass sie jetzt an der Reihe ist“. Die Arbeit der Zukunft sei die Arbeit mündiger Wissensarbeiter, also von Menschen, die ihr Wissen fortwährend an neuen Möglichkeiten und Herausforderungen ausrichten, es nicht für sich behalten, sondern öffentlich machen, also Netzwerke damit speisen, und somit zur Verbreitung von Vernunft - in anderen Worten: zur Aufklärung - beitragen. Dazu brauche es allerdings ein Selbstbewusstsein, das sich nicht von bisherigen Normalitäten ausbremsen lässt. Im Hinblick auf aktuelle Transformationsprozesse während der Corona-Krise notiert Lotter:
„Wo die Arbeit nicht in der alten kollektiven Organisation, sondern im ‚Homeoffice‘ - dort, wo der Kopf der Wissensarbeiter zu sein hatte - stattfand, wurde schnell klar, wie wichtig selbständiges und selbstbestimmtes Arbeiten ist. (...) Wozu Staus und Stoßzeiten, wenn es auch anders geht? Die Herausforderung lautet: Baut wieder menschengerechte Städte, in denen man nicht ‚ins Büro‘ fährt wie Opa ‚in die Fabrik‘, schafft Räume der Konzentration und Ruhe, aber auch des sozialen Austauschs. Mündige Arbeit braucht all das. (...) Man muss lernen, Zusammenhänge zu schaffen. Zusammenhänge schaffen ist Mündigkeit. Das ist allerdings schwierig, weil das Bildungssystem  fast ausschließlich aus reproduzierbarem Wissen besteht, aus Zeugnissen, die Gleichförmigkeit belohnen, aber nicht die Fähigkeit zum Selberdenken.“

In der Normalität solcher Bildungssysteme würden Menschen mit Zwackelmann-Syndrom herangezüchtet: Menschen, die je nach Wissensgrad langweilige Arbeit an unprivilegierte Menschen delegieren, jedoch keinen Ehrgeiz oder Mut entwickeln, an insgesamt frustrierenden und überholten Zusammenhängen etwas Wesentliches zu ändern. „Feiglinge experimentieren nicht, denn sie wissen ja schon Bescheid“, ätzt Lotter - und vor meinem inneren Auge tauchen die Konterfeis zahlreicher PolitikerInnen und anderer Gestalten auf, die nichts mehr fürchten als einen fundamentalen Wandel in vielen Lebensbereichen. Ich würde mich hingegen freuen über Städte, die von oben grün aussehen, weil auf den Dächern das blühende Leben sprießt; über Wege für Fußgänger, Rad- und Rollerfahrer, die viel Platz bieten und nicht unbedingt schnurgerade verlaufen, sondern in ähnlichen Schlenkern wie natürliche Flussbette (ich bin mir sicher: Wir würden Zeit gewinnen); über Schulen, die den Unterricht deutlich mehr außerhalb der Schulgebäude verlagern und auf neugierige Tuchfühlung mit Lebenswelten gehen, die in dieser dann nicht mehr verborgenen Wirklichkeit tiefer beeindrucken als zwischen zwei Buchdeckeln (immerhin) oder auf einer Mattscheibe (naja); über Arbeitszeitmodelle, die mit dem individuellen Leben und Biorhythmus besser harmonieren, und der einen ab 40 Jahren eine Drei-Tage-Woche ebenso ermöglichen wie dem anderen einen Vollzeit-Job auch noch mit Mitte 60, wenn es zu seiner Lebensfreude und Vitalität beiträgt (oder noch viel flexiblere Modelle); über Arbeitstage, an denen MitarbeiterInnen in einem Unternehmen (o.ä.) ihre Jobs tauschen, um mehr Verständnis für ihre eigenen KollegInnen zu entwickeln; uswusf.
In Anlehnung an die Edda, die Sammlung der Nordischen Mythen, möchte ich eine alte Weissagung leicht abwandeln: „Der Mutige stirbt nur einen Tod, der Zwackelmann hingegen stirbt sein ganzes Leben.“

Mutlosigkeit lässt sich dem Psychologen Ahmad Mansour nicht nachsagen, eher eine kritische und streitfreudige Haltung, vor allem gegenüber undifferenzierten Aussagen zur Integration. Mangelnde Differenzierung, Romantisierung sowie nahezu obsessive Fixierung auf ein einziges (von vielen) Themen nimmt Mansour mit Sorge wahr, und fragt rhetorisch: „Warum haben wir als Gesellschaft Schwierigkeit, über die Realität zu sprechen?“ Wahrscheinlich wollte er sagen: “...über die Realitäten...“
Der Sohn arabischer Israelis, der als Schüler zunächst den Islamismus für sich entdeckte, bevor ihn das Psychologie-Studium selbstkritischer werden ließ, nimmt - wie nicht gerade wenige Menschen dieser Tage - eine große Herausforderung wahr, wenn es um echte Toleranz in angespannten Zeiten geht: „Andere Meinungen muss man aushalten können und Platz auf der eigenen argumentativen Linie lassen“, so der Psychologe. „Wenn man schaut, ist aber genau das nicht vorhanden, nicht im linken oder rechten Spektrum, nicht in der Mitte, die eh am Liebsten Themen vermeidet, lieber nicht darüber redet und stattdessen feiern geht. Das sind alles Entwicklungen, die jemandem wie mir, der aus einem sehr zerrissenen Land kommt, Angst machen. Weil genau das zur Polarisierung führt und zur Unfähigkeit, Probleme zu benennen. Das schließt die Lösungsfindung schon von Anfang an aus.“ Ebenso bereite ihm Angst, wie schnell Menschen derzeit bereit seien, Freiheiten aufzugeben. Gerade Europa als Wiege der Aufklärung und zahlreicher Freiheiten, die es in vielen Teilen der Welt so nicht gebe, müsse seine Mündigkeit bewahren und ausbauen, um solidarisch handeln zu können - anstatt sich in dieselben Eindimensionalitäten zu flüchten wie die bereits skizzierten Zwackelmänner.

Ich kann und möchte es nicht leugnen: Von allen aktuellen Druckerzeugnissen ist mir die FUTUR ZWEI die Liebste. Wenn die FAZ-Redakteurin Julia Encke ihr Plädoyer für ein Ausbrechen aus den herkömmlichen Denkroutinen mit folgender Feststellung beginnt, dann fühle ich mich auf diesen Seiten bestens aufgehoben: „Der Wunsch, dass alles weitergehe wie bisher, der sich vor allem in der Kontinuität von Erzählmustern und Deutungsansprüchen äußert, scheint erstaunlich viel größer zu sein als der nach differenzierten Antworten auf die täglich neu sich stellenden Fragen.“ Wen eine solche Beobachtung nicht verschreckt, sondern wer sich ebenfalls fragt, ob die aktuelle Krise uns die Welt und unser Wirken darin nicht neu denken lassen sollte, der dürfte diese Ausgabe ebenfalls als bereichernde Lektüre im besten Sinne wahrnehmen - und wird sein Wissen - im Sinne der AutorInnen - hoffentlich öffentlich teilen.

Notiert im August 2020


© Thor Wanzek 2018-2020
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü