Gunnar Kaiser - Thorheiten

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Gunnar Kaiser

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Ketzerisch und nackt in den Weltuntergang... doch nicht mit Gunnar Kaiser!

Kurz vor der Jahreswende gibt Gunnar Kaiser sein bereits drittes Gast- bzw. Heimspiel in 2019 im Institut für Therapie und Remmidemmi in Köln-Mülheim. Der durch YouTube manchen bekannte Philosophie-Lehrer lädt am Abend des 28. Dezember 2019 unter dem Titel "Der Kaiser ist ja nackt" zur persönlichen Rückschau auf das vergangene Jahr ein, und zieht - irgendwie? na, wie wohl? natürlich geistig! - blank.

Die Frage, wie ich in diesem Jahr auf Gunnar Kaiser (TV) aufmerksam geworden bin, lässt sich oberflächlich mit zweierlei Vermutungen beantworten: Gelegentlich zur nostalgischen Verklärung neigend, hatte ich mir vor einer Weile einige Folgen der Sendung "TV Kaiser" angeschaut, an die sich vielleicht noch einige mittelalte Semester mit einem gewissen Wohlwollen erinnern können (mehr dazu hier). Von "TV Kaiser" bis zu "Kaiser TV", also dem Kanal von Gunnar dem Gwerdenker, sollte es selbst für eine dusselige Datenkrake wie Google nicht sonderlich weit sein. Ebenso naheliegend scheint mir, dass mich der sammelwütige Internet-Oktopus auf den umtriebigen Lehrer, Buch- & Blog-Autor sowie YouTube-Dozenten aufmerksam machte, weil sich dieser mit der sich selbst so bezeichnenden "Identitären Bewegung" (IB) kritisch und fundiert auseinander setzt, also ohne dabei zeitgenössische Wahrnehmungs- und Deutungsmuster weder des Mainstreams, noch ideologisch abgründig verirrter Extremisten oder denkfauler Dummköpfe (was nicht selten auf ähnlich traurige Existenzen hinausläuft) zu bedienen. Das ist neben Thea Dorn bisher nur wenigen ansatzweise gelungen.
Während in meinem Freundes- und Bekanntenkreis bei einigen Menschen die Blutzufuhr zu Herz und Hirn bereits beim Hinweis, dass eine differenzierte und fundierte Auseinandersetzung mit der IB (gleichsam der AfD etc.) wohl nicht schaden könne, unter akuten Versorgungsengpässen leidet und mitunter groteske Reaktionen zeitigt, näherte sich Gunnar Kaiser der vermeintlichen "Bewegung" in 2019 mit einer in der Tat durch und durch philosophischen Grundhaltung - sowie dem ihm eigenen Humor. Diese tollkühne Herangehensweise gipfelte u.a. in Videos zur "ultimativen Zerfistung der IB" und kürzlich zu einem - vom blutrünstigen Brot-und-Spiele-Publikum seit jener "Zerfistung" unablässig geforderten - "Streit"gespräch mit Martin Sellner, dem auf YouTube ebenfalls äußerst umtriebigen, eloquenten und keinesfalls humorfreien Vorzeige-Aktivisten und Nachdenker der IB (Nach"denker" nicht zuletzt im Sinne von: Widerkäuer des geistigen Unrats von Kubitschek und Co.). Aktuell stehen die Chancen übrigens wohl nicht schlecht, dass die IB an sich selbst scheitert, vor allem an inneren Streitereien sowie an klassisch rechtsextremen Haltungen, nicht zuletzt an ihrer - absolut alten - Frauenverachtung. (1)

Tugendheuchelei? - Nein danke!

Keine Frage also: Wer heute zu den Guten zählen möchte, der ist selbstverständlich gegen die IB, sowie gegen alles irgendwie "Rechte". Das allerdings ist Gunnar Kaiser zu einfach - und das macht seine Vorträge für die Meisten wohl zu schwierig, zu anstrengend. Doch der Philosoph möchte nun mal keinen Beifall dafür, dass er sich gegen Rassismus oder gegen Gewalt an Frauen ausspricht. Beides sei so selbstverständlich, dass es doch fast gruselig sei, dass bereits solcherlei Bekenntnisse im Internet quasi als Heldentaten gefeiert würden. Kaiser bezeichnet es hingegen als "Tugendheuchelei", und dem Verdacht, selbiger zu frönen, möchte er sich unter keinen Umständen aussetzen. Das betont er ein ums andere Mal, und das Wort kommt ihm so häufig über die Lippen, dass es ihm damit sehr ernst zu sein scheint. Tugendheuchelei - nein danke!
Fragen stellt er - ganz Lehrer! - zahlreiche, und die meisten davon klingen - ganz Lehrer? - rhetorisch, also zunächst nicht unbedingt so, als würde er überraschende Antworten erwarten. Ob wir unsere Kinder hauptsächlich von staatlich Bediensteten erziehen lassen wollen? Ob es heutzutage rebellisch ist, sich "links" zu verorten und den "Kampf gegen Rassismus" auszurufen? Ob die Welt wirklich in zehn Jahren oder - hoppla! - bereits in drei Tagen ins Chaos stürzt und der Kölner Dom allenfalls mit den Turmspitzen aus dem überfluteten Rheinland herausragen wird?
Wer Gunnar Kaiser zuhört (gemeint ist damit: ihm wirklich zuhört, denn Zuhören ist frei nach Erich Fromm eine Kunst, das kann fast nicht oft genug betont werden), der erlebt einen unruhig-gelassenen Querdenker, der bei seiner Suche auf überraschende Antworten an Spott über Establishment und Extremismus nicht spart, sich dabei selbst immer mal wieder auf die Schippe nimmt und sein eigenes Handeln tatsächlich kritisch hinterfragt. So kamen beim YouTube-Star* offenbar Zweifel auf, als er nach kritischen Auseinandersetzungen mit den Grünen Applaus von Menschen bekam, die sich rechts von rechts positionieren, also außerhalb eines noch halbwegs akzeptablen Spektrums. Es ist wohl der philosophischen Abgehobenheit geschuldet, wenn Gunnar Kaiser von echten Rassisten  in diesem Land, und ganz besonders vor seiner Haustür, nur wenig mitbekommt. Wer sich so geschwind, neugierig und geistreich wie der liberale Denker durch Niederungen der Politik und Höhen der Philosophie bewegt, dem mag entgehen, welche mehr als unappetittlichen Aufkleber - ideologisch rechts von der IB - derweil im Mittelfeld von Köln auftauchen. Prinzipiell befindet er sich damit zwar in menschlich bester, wenngleich nicht ganz ungefährlicher Gesellschaft: Martin Buber hatte noch in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre viel zu viel Bedeutungsvolles zu lesen und zu schreiben, als dass er sich erlaubt hätte, ein paar pöbelnde Nationalsozialisten ernst zu nehmen. Nur dank entschlossen handelnder Freunde gelang ihm gerade noch die Flucht ins Exil.
Zweifelsohne, die aktuelle Fallhöhe "des Kaisers" lässt sich allenfalls mit tausenden Legosteinen als wackeliger Turm nachbilden, und die Shitstorms, die er von links und rechts erntet, sind so wenig überraschend wie wohlverdient: Wer sich tatsächlich mit Martin Sellner zum Gespräch trifft und dem Identitären-Chef knapp zwei Stunden zivilisierten Widerspruch anbietet, der darf sich nicht wundern, wenn die auf ihren Ohren sitzenden AfD-Fans der "Antifa" nervöse zu blinzeln und zu zucken beginnen - wird ihnen doch die Steinwurfweite des eigenen ungeistigen Horizonts in - noch dazu für YouTube-Verhältnisse - epischer Länge vor Augen geführt. Im direkten Vergleich erlebe ich allerdings die Herangehensweise von Jung & Naiv geschickter und hilfreicher: Kaiser vertraut in einem Maße auf die Kritik- und Reflektionsfähigkeit seines Publikums, das in der Tat vor allem als naiv zu bezeichnen ist - das Maß, nicht das Publikum, Ihr maßlosen Narr... doch weiter im Text!

Sucht die Gemeinschaft - nur von wem eigentlich? Gunnar Kaiser (Photo gestohlen von seiner Homepage)

Miteinander reden & fühlen!

2019 sei ein Jahr gewesen, in dem es vor allem darum gegangen sei, sich auf einer von zwei Seiten zu positionieren, so der geschmackvoll gekleidete Redner, dem einige Blicke aufs Notizheft genügen, um rund anderthalb Stunden fließend zu referieren: Über die Mechanismen bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung, zu den "Guten" zu gehören. Über die zahlreichen Gründe, sich für dieses und jenes zu schämen, und gleichzeitig bereitwillig die Großelterngeneration und deren Geschichten zu vergessen. Schließlich über die linke und rechte, in einigen Details nahezu deckungsgleiche Lust am Untergang, also jenen Wahn, dem frohgemuten Leben zu entsagen, um in den Filterblasen der eigenen Wahl entweder den klimatischen point of no return oder den so genannten "großen Austausch" auszurufen und sich histrionisch in die Erwartung der unumkehrbaren Katastrophe hineinzusteigern; immer blinder für das vielfältige Leben vor der Tür, das nach wie vor der Differenzierung bedürfe.
Nicht nur als Lehrer frage er sich zum Beispiel, wie es den heutigen jungen Aktivist*_Innen ergehen werde, wenn sie eines Tages realisieren, dass die Horrorszenarien der totalen Klimakatastrophe doch nicht eingetreten sind und sie ihre Jugend für einen sorgfältig inszenierten quasi-religiösen Kampf geopfert hätten - anstatt ein Leben mit ein wenig mehr Zuversicht und Lebensfreude zu führen. Diese Überlegung fuße u.a. auf der Begegnung mit einem ehemaligen Schüler, einem Abiturienten mit einem Einser-Schnitt, der mit Ende 20 sein Studium abgebrochen und sein ganzes Leben fortan dem Kampf für ein besseres Klima gewidmet habe - inklusive Vorwürfen gegenüber seinem ehemaligen Lehrer, dieser verplempere wiederum seine kostbare Zeit für YouTube-Clips über Moritz Neumeier (wer auch immer das ist).
Atempause. Luft ans Hirn. Brauchen wir nicht alle mehr Empathie? Eine weitere rhetorische Übung, na klar. So habe er im vergangenen Jahr u.a. die FAZ-Journalistin Melanie Mühl zu ihrem neuen Buch "Mitfühlen" interviewt (nachzuhören hier im Podcast), und sich gefragt, wer solche zweifelhaft klugen Ratschläge - die Dame brauche 230 Seiten, um zum Schluss zu gelangen, etwas mehr Mitgefühl könne nicht schaden - überhaupt lese. In der erlesenen (?) kleinen Runde am heutigen Abend sorgt die Vorstellung, dass sich ideologisch radikalisierte oder einfach nur dummdreiste Gewalttäter ein solches Buch schnappen, nach der Lektüre mit der Hand vor die Stirn klatschen und sich - heureka! - eingestehen, dass sie bisher auf dem Holzpfad unterwegs waren, für gemütliche Erheiterung - bis das vorzeitige Feuerwerks-Geballer auf der Straße vor dem Institut von Kaiser spontan als Ankündigung eines Antifa-Besuchs gedeutet wird ...
Dass er sich weder auf der Seite der Mainstream-Linken oder gar Linksextremen, noch auf die Seite der von ihm mit nobler Verachtung kommentierten AfD und ihrem ach so gerne "metapolitisch" wähnenden Umfeld schlägt, versteht sich von selbst. Die Skepsis des Kaisers und seine Erfahrungen in Folge versuchter theoretischer Auseinandersetzungen sind groß genug, um bei beiden Richtungen zu erkennen, dass es vor allem um die richtige Positionierung geht - und kaum um Inhalte und Vertiefung. Insofern steht für den philosophischen Zweifler die Frage im Raum, wie sich mit den einen oder anderen überhaupt - miteinander - reden lässt (anstatt nur fortwährend aneinander vorbei). Wer sich "rechts" weigere, die antidemokratischen Bestrebungen von Julius Evola oder Alain de Benoist als Grundlage der eigenen vermeintlichen "Identität" zu reflektieren, dem sei ebenso wenig zu helfen wie denjenigen, die "links" die praktischen Erfahrungen mit staatlicher Planwirtschaft und weitreichendsten staatlichen Eingriffen in bürgerliche Freiheiten ausblenden. Es spricht für Gunnar Kaiser, dass er dennoch weiterhin das Gespräch sucht - andererseits: Was sollte er als Lehrer, und somit als Vorbild für seine Schülerinnen und Schüler, auch anderes machen?
Als liberaler Freigeist vermisse er gelegentlich den gemeinschaftlichen Kuschelfaktor, gibt Kaiser zu. Wenn "Rechte" sich zusammenrotten und "Linke" ohnehin auf die Gemütlichkeit der Masse und das vielfach beschworene "Wir sind mehr!" zählen können, bräuchten sie bei aller Oberflächlichkeit um das Gemeinschaftsgefühl kaum bangen - das sei bei Liberalen mithin schon ein wenig anders. Diese wären ähnlich wie Katzen qua natura eher einzelgängerisch unterwegs und weniger gemeinschaftlich veranlagt (ob das für die Tiere stimmt? Hier dazu mehr).

Gunnar, ein guter Mensch?

Wo genau sich der Mensch Gunnar Kaiser verortet, ja, ob er das überhaupt nötig hat oder möchte, ist mir nach dem kurzweiligen Abend nicht so ganz klar. Kaum sonderlich schlauer oder moralisch erhabener als die Wirrköpfe hüben wie drüben, habe ich seinen Vortrag ja auch genutzt, um mich selbst zu vergewissern, irgendwie gar nicht sooo ungut zu sein, wenn ich mich nicht mir-nichts-dir-nichts in den Mainstream oder das Wutvolk einreihe. Zudem kann ich mich ab sofort aufplustern und angeben: "Hohohoho, ich habe den Kaiser gesehen, als er noch Underground war und nicht zum ordinären Fußvolk in der Lanxess Arena sprach." Yippie!
Auch auf die Gefahr hin, dass er es vielleicht nicht gerne hören oder lesen mag: Irgendwie scheint mir Gunnar Kaiser ein Guter zu sein, wahrscheinlich vor allem ein richtig guter Lehrer, der den ihm anvertrauten Zöglingen nicht nur vergleichsweise viel Freiraum zur tieferen Auseinandersetzung gewährt, sondern sie im besten Sinne fordert und fördert, wahrscheinlich auch ihnen gegenüber die Größe aufbringt, eigene Irrungen zuzugeben, und sie ermutigt, selbst zu denken und lebenslustig zu handeln. Das zumindest kann ich mir nach diesem Abend problemlos vorstellen. Und mit dieser heiteren Ahnung verlasse ich das Institut für Therapie und Remmidemmi, ziehe rasch die Kaputze über den Kopf und mache mich mit der Hoffnung auf den Heimweg, dass mir keine Silvesterböller um die Ohren fliegen - und Gunnar Kaiser von noch mehr Menschen entdeckt, gehört und gefragt wird. Wir brauchen Querdenker seines Formats.

Notiert im Dezember 2019.


* (das wird man doch wohl noch schreiben dürfen, 32.600 Abos sind alles andere als ein Pappenstiel [Stand Dezember 2019])

(1) So erläuterte die rechte Aktivistin und YouTuberin Lisa Licentia, übrigens auch in Köln beheimatet, unlängst im Gespräch mit dem Attersee Report: "Die IB ist eben in Wahrheit keine Bewegung für die breite Bevölkerung, sondern war von Beginn an als ‚elitärer‘ Kreis konzipiert. Es wird ja auch immer betont, dass man sich nicht als Ziel setzt, besonders groß zu werden. Es gibt lange Auswahlverfahren: Man muss sich erstmal ein halbes Jahr lang beweisen, bis man wirklich ‚Aktivist‘ ist. Und natürlich werden in der IB viele Ideale verfolgt, die man sich als Jugendliche setzt, wenn man etwas zu viel Ernst Jünger liest. Die Realität hält dem eben oft nicht stand. So oder so: Auch die IBler untereinander können sich vielfach nicht leiden, sie wollen aber eine dauerhafte Gemeinschaft haben. Das Ziel, politisch etwas zum Positiven zu bewegen, ist da nur nebensächlich. Martin Sellner, der ja persönlich eher noch liberal ist, ist bei alledem nur das nette Gesicht der IB." Und weiter: "Ohne Sellner ist die IB gar nichts. Viele sehen Sellner als Vorbild und blenden deshalb andere, merkwürdige Persönlichkeiten aus." Im Hinblick auf den Umgang mit ihr als Frau erklärt sie: "Das Recht ‚dazuzugehören‘ wurde mir damals sogar öffentlich abgesprochen. Mein Leben als alleinerziehende Mutter sei nicht konservativ. Ich wäre kein Vorbild, hieß es. Anfangs richtete man mir das durch die Blume aus, mittlerweile werden offen herablassende Beleidigungen gegenüber mir verbreitet. Die gesamte IB bis hin zu Gründungsmitgliedern bejubelt, teilt, kommentiert oder ignoriert es. Ich veröffentlichte diese Attacken und bekam prompt noch mehr Beleidigungen. Das Lustige ist: hauptsächlich von Frauen. Sie forderten, dass ich schweige, weil sie sonst selber Probleme bekämen – vonseiten der IB. Da frage ich mich schon, ob das noch eine Bewegung ist. (...) Wenn einer der 'großen IBler' mich als 'Libtard' (sinngemäß: geistig behinderte Liberale) oder 'Schlampe' – wohlgemerkt nur aufgrund der Tatsache, dass ich alleinerziehend bin – bezeichnet, ist man quasi zum Abschuss freigegeben. Ich habe inzwischen mehr Beleidigungen unter meinen Videos, die von rechtsaußen kommen, als von links." (Identitäre Revolutionäre. Ein Interview mit Lisa Licentia, in: Attersee Report 12/2019, S.50ff.)

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