Multifamilientherapie - Thorheiten

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Multifamilientherapie

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Mut zu öffentlichen „Crossover-Experimenten“

Einen ähnlich motivierten Ansatz (wie den Familienrat) stellt der Psychiater Eia Asen in seinem lebendigen Vortrag zu „Peer & Ressource Orientation in Family Counselling“ vor. Ziel dieser Multifamilientherapie (MFT) sei es, Familien dazu zu bringen, sich gegenseitig zu helfen und Ressourcen zu aktivieren. Aufgabe des „Beraters“ im weitesten Sinne (Asen spricht bevorzugt von „Arbeitern“) sei die Herstellung von Kontexten, welche die gegenseitige Unterstützung ermöglichen und fördern.

Dazu werden sechs bis acht Familien mit ähnlichen Problemen an verschiedenen Orten zusammengeführt, wo sie über einen Zeitraum von zwei bis neun Stunden über ihre Probleme reden, sich gegenseitig beobachten und Rat geben können. Prinzipiell sei es möglich, diese Gruppen geschlossen oder halb-offen zu gestalten, so Asen, der sich jedoch für einen offenen Ansatz ebenso wie für öffentliche Treffen ausspricht. Nirgendwo ließen sich Herausforderungen wie z.B. Diebstähle so gut beobachten und so authentisch und konsequent bearbeiten wie in Einkaufszentren, so Asen.


Beratung auf Augenhöhe von ähnlich Betroffenen

Von dieser Herangehensweise verspricht er sich, dass Familien mit ähnlichen Problemen als Experten in eigener Sache eine hohe Anerkennung bei anderen Familien genießen; häufig sogar eine höhere Anerkennung als (vergleichsweise abgehobene) professionelle Berater, die bestimmte Probleme eben nur von außen sehen und bewerten, jedoch nicht ultimativ betroffen kennen, weil sie sie selbst in allen Facetten erlebt haben.
Es entstehe somit ein positiver Gruppendruck: Wenn Familien zusammenkommen, und eine Familie mit der Hilfe von anderen kleine Fortschritte erzielt, dann möchten andere ungern hintanstehen, sondern lassen sich von „ihresgleichen“ eher motivieren, eigene kleine Veränderungen durchzuführen.
Auch sei der Aspekt von geringerer Scham bedeutend, wie Asen erklärt: Wirklich gravierende Probleme können in diesen Kontexten durch ähnlich Betroffene kommentiert werden – was ggf. den Beiklang „von oben herab“ abmildert. Familien würden sich aus der (selbst gewählten) Isolation heraus trauen, wenn sie erleben, dass auch andere Familien mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind – und ggf. bereits ganz ähnlich stigmatisiert wurden / Demütigungen erlebt haben etc.
Familien, die bereits lange hilflos um ein Problem kreisen und keine Lösung finden, erkennen sich selbst in anderen Familien und ihren Problemen wieder. Dadurch fühlen sie sich nicht als „einzigartig belastet“, und ihr Blickwinkel auf eigene problematische Anteile (z.B. unwirksame Strategien) verändert sich, motiviert ggf. bereits beim Zuschauen / Zuhören / Miterleben zu einer veränderten Herangehensweise an die eigenen Probleme.


Familien-Mitglieder als Botschafter für die Methode

So wirksam sich diese Arbeit für viele Familien erweise, so schwierig sei es im Vorfeld, Menschen zu dem Schritt zu ermutigen, sich mit ihren Familien und gravierenden Belastungen gegenüber anderen Familien zu präsentieren, gibt Asen zu. Zahlreiche Familien würden vor diesem Angebot zurückscheuen, und darum würden seine Kollegen und er mittlerweile Eltern und Kinder, die eine solche Multi-Familien-Therapie durchlaufen hätten, als Botschafter für dieses Verfahren einsetzen. Diese würden belastete Familien aufsuchen und von ihren Erfahrungen aus der Arbeit mit anderen Familien berichten. Auch hier wird deutlich: Nicht der Berater wirbt in erster Linie für die MFT, sondern es sind die Betroffenen selbst.

Es liegt für Asen auf der Hand, dass bei diesem Ansatz Familien mit ähnlichen Problemen zusammengeführt werden, die sich thematisch gegenseitig auf (vergleichsweise) ungezwungene Weise helfen können. Wenig sinnvoll sei es hingegen, Familien mit gänzlich verschiedenen Herausforderungen zusammen zu führen. Die MFT habe bereits Familien geholfen, die von Schizophrenie / Psychosen, Depression, Anorexia Nervosa, Abhängigkeitserkrankungen, Schulproblemen, chronischen körperlichen Erkrankungen oder Verhaltensstörungen betroffen seien. Wichtig sei es, die Zusammenführungen der Familien an Orten zu organisieren, an denen die konkrete Beobachtung und Bearbeitung stattfinden kann.

Eia Asen im Interview über das "Familienklassenzimmer".

Als wirksam habe es sich z.B. bei Schul-Systemsprengern erwiesen, Familienmitglieder in problematischen Schulklassen einzubinden. Bereits durch die Anwesenheit von Eltern in Klassen in der so genannten „Family School“ hätten sich Änderungen auf der Verhaltensebene schwieriger SchülerInnen ergeben. Familien mit Mitgliedern mit Essstörungen versammeln sich bspw. in einer Herberge, in der alle Familien in einem geschützten Raum vier gemeinsame Mahlzeiten am Tag einnehmen – und sich dabei hautnah mit ihren individuellen wie gemeinsamen Problemen kennenlernen und helfen – können. Und für Familien, deren Nachwuchs ständig Stress im Einkaufszentrum macht, böte es sich nun mal an, solche Probleme vor Ort in Angriff zu nehmen, so Asen, der humorvoll mit seinem üblen Ruf in verschiedenen Londoner Shopping Malls kokettiert.

Die Kürze seiner Vortrags hält nicht die Möglichkeit bereit, diese Treffen im Detail zu beschreiben, doch der Psychiater skizziert mehrfach deutlich, wie individuell verschieden MFT organisiert werden sollte – und dass es bei aller vermeintlichen Berater-Abstinenz nichtsdestotrotz einer hohen Spontaneität, Glaubwürdigkeit und viel Leidenschaft bedarf, um in solchen „Crossover-Experimenten“ Menschen verschiedenster Herkunft und mit enormen Belastungen dazu zu motivieren, sich aufeinander einzulassen und ins Gespräch zu kommen. Anhand von einigen kurzen Videos deutet Asen an, dass es auch hier von Vorteil ist, als Berater auf möglichst offene und gut ansprechbare Kinder zuzugehen und Kommunikation über diese in Gang zu setzen. Er selbst begreife sich in dieser Hinsicht als „mobiler Berater“, der sich nicht zu schade ist, mit Kindern herumzublödeln, um dann ihre kreativsten Kommentare aufzugreifen und zu verstärken. Je nach Möglichkeit lasse er auch Kinder filmen, um bei der gemeinsamen Betrachtung ihrer Videos ihre eigenen – vielleicht bisher gar nicht wahrgenommenen – Perspektiven zu entdecken. Beratung in der MFT würde bedeuten, dass Berater nicht nur zuhörend und geistreich kommentierend ihren Klienten gegenüber sitzen, sondern dass sie aktiv Gesprächsfäden aufnehmen und verknüpfen, so Asen, der diese Marschroute mit „Arsch hoch! Keine Klugscheißerei!“ zusammenfasst, und Mut zur spielerischen Gestaltung solcher – oftmals chaotisch anmutender Prozesse – einfordert.

Staunend protokolliert im November 2018


© Thor Wanzek 2018-2020
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