Munaqabba - Thorheiten

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Munaqabba

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„Mein Hobby ist Quatschen.“

Zugegeben: Zahlreiche andere Aussagen, die ich während meinem Besuch der Ausstellung „Munaqabba - über Frauen mit Vollverschleierung in Deutschland“ aufschnappe, würden sich ähnlich gut als Titel andienen. Dass ich mich für eben jenes Zitat entscheide, mag damit zusammenhängen, dass es mich zum Lachen bringt, als ich den Ausführungen jener jungen Frau mittels Kopfhörer lausche, die bereitwillig über ihr Leben als „Vollverschleierte in Deutschland“ Auskunft gibt. Sie ist eine von zehn Frauen, die sich zu diesem Schritt entschlossen haben, und die in Selina Pfrüners multimedialer Installation zu sehen und (bis auf eine Frau) zu hören sind. Wenn ich zuvor so etwas wie eine leichte Anspannung fühlte, so fällt sie nun endgültig von mir. Dein Hobby ist Quatschen? Was für ein Quatsch...

Als ich am frühen Samstagnachmittag vor dem Atelierzentrum in Ehrenfeld vom Fahrrad steige, brennt die Sonne auf meiner Haut. Statt Übergewand und Gesichtsschleier, die bei diesen Temperaturen wohl kaum die dümmste Wahl wären, bin ich in Monty-Python-Fanshirt und kurzer Hose unterwegs, und somit froh, als ich in das kühle Atelier in der Hospeltstraße eintrete. Selbiges ist übersichtlich, und das gilt auch für die in den vergangenen Tagen heiß diskutierte Ausstellung. Wobei - ist „diskutieren“ eigenlich noch ein angemessenes Wort dafür, dass in den Kommentarspalten verschiedener Medien allerhand Grobes und Tölpelhaftes ausgekotzt wird, wofür sich die Verfasser hoffentlich eines Tages schämen? Doch nicht nur dort schlagen die Wellen hoch. Viele haben sich eine „Meinung“ geBILDet, noch bevor die Ausstellung eröffnet ist - und jene Eröffnung wird von vehementen Protesten von Frauen begleitet, deren Widerstand gegen das Gezeigte mir vor dem Hintergrund ihrer eigenen von Verfolgung und Unterdrückung geprägten Geschichten nur allzu verständlich erscheint.

Dokument: Bericht im Kölner Stadt-Anzeiger vom 25. Juni 2019

Im Inneren des Ateliers sind Portrait-Aufnahmen der zehn Frauen zu sehen, u.a. in kleinen bis mittelgroßen Holzrahmen an einer Wand, ebenso wie in Lebensgröße als Projektion auf weißen Vorhängen, die sich zuweilen sanft bewegen. Andere Besucher sind vorerst nicht zugegen, was mich überrascht: So viel Wirbel bereits im Vorfeld - und dann nimmt sich kaum jemand Zeit, um sich vor Ort eigene Eindrücke zu verschaffen? Zwar ließe sich die aus Afrika ungefragt eingereiste Hitzewelle als die Kräfte lähmender Gegner verdächtigen, doch auf meinem Weg durch die Kölner Innenstadt brodelt auch bei über 30 Grad das herkömmliche Mit- und Nebeneinander der Menschen; wenngleich in der Tat vielerorts weniger hektisch als sonst, dafür umso verstrahlter, wie ich an der Missachtung der Fahrradwege wahrzunehmen glaube.

Selina Pfrüners Photographien führen die Betrachter zunächst an die Menschen und ihre Schleier heran, und zwar angenehm unaufdringlich. Unweigerlich sucht mein Blick die Augen der Frauen, von deren Gesichtern weiters nicht viel zu sehen ist. Was vermag ich wohl in diesen Augen zu erkennen? Stellen sich bei allen Portraits ähnliche Gefühle zwischen Unbehagen und Verärgerung bei mir ein, weil ich mehr von den Gesichtszügen sehen möchte; weil ich mich durch die Vollverschleierung ausgegrenzt fühle? Oder schwingt da auch Belustigung mit, wie vor knapp einem Jahr, als ich in der Innenstadt die Ausstellung „Arab Art“ besuchte? Damals liefen mir, nur wenige Schritte vom Atelier in der Großen Budengasse entfernt, drei vollverschleierte Frauen über den Weg, die einem arabisch anmutenden Mann auf eine mich spontan erheiternde Weise folgten; die mich unweigerlich fragen ließ, ob sie als provokante aktionskünstlerische Inszenierung Teil des Projektes seien. Während sich angesichts der meisten Portraits heute zunächst eine Distanz einstellt, empfinde ich den Ausdruck im Augenaufschlag einer verschleierten, scheinbar in die Ferne blickenden Frau anrührend, was nicht zuletzt an der stimmungsvollen Photographie liegen mag.


Es steht außer Frage: Vollverschleierung erzeugt und demonstriert - nicht nur für mich - Entfremdung. „Fremd im eigenen Land“ fühlt sich eine der Portraitierten, wie sie im Gespräch mit der Dokumentarphotographin erklärt. Die zum Islam konvertierte Frau greift somit genau jene Worte auf, die nicht gerade selten von angeblich „besorgten“ Vertretern „bio-deutscher“ Bürger als vermeintliches Argument ins Feld geführt werden, um einer Partei oder einer Bewegung die eigene Stimme zu geben, die vor allem auf den Erhalt der Angst und der Fremdheit bauen. Ob sich beide Seiten etwas zu erzählen hätten, wenn ihnen bewusst würde, dass sie offenbar ähnlich empfinden?

„Ich hatte Angst vor Frauen, deren Weltsicht meinen Horizont sprengen könnte.
Deren Horizont so klein sein könnte, dass ich nicht hinein passe.“

So erklärt die auf soziale Themen spezialisierte Photojournalistin Pfrüner ihre Motivation, sich den Vollverschleierten auf eigene Weise zu nähern - und es nicht nur bei der Perspektive durch die Kameralinse zu belassen. Ihre Ausstellung ermöglicht ungeahnte Annäherungen vor allem durch die Gesprächssequenzen der Portraitierten, die in einem mit Sitzkissen ausstaffierten Bereich (und auf der Homepage zur Ausstellung) angehört werden können. Da ist allerhand Bemerkenswertes zu vernehmen. Je länger ich den Ausführungen lausche, desto weniger kann ich mich des Eindrucks erwehren, dass jene Frauen im Islam vor allem eine Struktur finden, die ihnen in einer unübersichtlich erlebten Welt voller Herausforderungen, Risiken und Gefahren eine klare Orientierung ermöglicht und Sicherheit verschafft. Ja, darum scheint es den hier zu Wort kommenden in erster Linie zu gehen: Um Sicherheit in einer unsicher wahrgenommenen Welt - mitten in Deutschland, mitten in Europa.
Dafür wird neben der Vollverschleierung, für manche eine im wahrsten Sinne des Wortes schleierhaft gewordene Demonstration der eigenen wie der anderen Entfremdung, allerhand Widersprüchlichkeit und geistige wie physische Selbstbegrenzung billigend bis schweren Herzens in Kauf genommen. So werden beispielsweise „Glauben“ und „Wissen“ vertauscht, das Leben als Mutter und Hausfrau über die berufliche Karriere und individuelle Selbstverwirklichung gestellt. Eine Frau freut sich auf das Leben im Jenseits, in welchem sie für ihre Bescheidenheit im Diesseits belohnt zu werden glaubt, während den Ungläubigen, die sich auf Erden nicht als gute Muslime bewähren, ein nicht so schönes Schicksal beschieden sei. Als ich ihr zuhöre, fühle ich in mir Bedauern über solche Naivität und Mitleid aufsteigen. Als eine Frau schildert, welche Zugänge zur Gesellschaft, zu Kunst und Kultur, und zum Reichtum dieser Welt, sie ihrem Kind bereits in jungen Jahren verwehren möchte, werde ich zornig. Wer sich als erwachsener Mensch kasteien möchte, soll das von mir aus machen, doch bitte ohne anderen Menschen ihrer Freiheit zu berauben und der Gehirnwäsche zu unterwerfen.
Eine Frau berichtet, wie ihre Entscheidung, sich voll zu verschleiern, dazu führte, dass sie ihre Arbeit in der Altenpflege aufgab. Ich denke an eine muslimische Bekannte, die das sicher weniger beschränkt - pardon: strikt verhüllt - sieht. Und an jene Dozention, die mir als Teilnehmer einer Fortbildung in „Kultursensibler Pflege“ ihren Berufsethos glaubhaft als ebenso islamisch inspiriert wie die Würde eines jeden Menschen achtend darstellte - und die über viele kulturelle Eigenarten von mehr oder minder streng Muslimisch-Gläubigen herzlich lachen kann.


Zum Lachen lädt „Munaqabba“ nicht in erster Linie ein, und doch sind auch einige Aussagen zu vernehmen, die mich schmunzeln lassen. Ich frage mich, ob für einige der interviewten Frauen die Verschleierung eine ähnliche Grenze gegenüber „der Gesellschaft“ markiert wie für mich einst als Heranwachsender das Tragen von Heavy-Metal-Shirts. Während ich dieser Frage nachsinne, fällt mir ein, dass ich mich in den vergangenen Jahren über das Erscheinungsbild etlicher Black-Metal-Bands geärgert habe, die auf durchaus vergleichbare Weise verhüllt auftreten und ihr menschlichen Antlitze auf der Bühne nicht preisgeben. Dabei stört mich nicht die Betonung der Aussage, dass es irrelevant sei, wer die Musik erschafft, sondern eher eine gewisse Uniformierung, der sich meines Eindrucks nach (zu) viele Musiker nur allzu bereitwillig unterwerfen: Kaum hat es eine angesagte Gruppe den Mummenschanz vorgemacht, greifen es viele andere auf - und erscheinen mir ein bisschen wie Entenküken, die ihrer Mutter hinter watscheln; was offensichtlich mehr über meine eigenen Vorurteile aussagt als über die Bands selbst.
Vor einigen Wochen wohnte ich dem sehr beherzten und mich heute noch begeisternden Auftritt der brasilianischen Band Nervosa im Helios 37 bei. An der Performance des weiblichen Thrash-Metal-Trios und ihrer Musik lässt sich selbst mit viel Mühe wohl kaum etwas finden, das nicht als Klischee - höflich formuliert: als eherne Metal-Tradition - beschrieben werden muss. Gäbe es eine Kernbotschaft der Band, so ließe sich diese vielleicht als „lass dich nicht von ‘der Gesellschaft’ unterkriegen und gehe deine eigenen Weg“ beschreiben; also quasi ein Plädoyer für individuelle Freiheit - ganz sicher auch für ein Sprengen religiöser Fesseln. Bereits auf dem Konzert fühlte ich unvermittelt eine Dankbarkeit für gesellschaftliche Entwicklungen, die es Frauen ermöglichen, sich künstlerisch frei zu entfalten - ob nun mit solch wüstem Krach oder wie auch immer. Eine Gesprächspartnerin von Pfrüner berichtet, wie sie beweisen wollte, dass verschleierte Frauen prinzipiell alles machen können, z.B. auch boxen. Die Vorstellung einer Metal-Band von vollverschleierten Frauen mag mir dennoch nicht gefallen. Die Photographien von Pfrüner erinnern mich übrigens in ihrer Ambivalenz eröffnenden Ästhetik an die dokumentatorischen Aufnahmen von Peter Beste, der u.a. die Black-Metal-Subkultur ablichtete.

Zwar ist von Religion unter anderem die Rede, doch eine tiefere Religiosität, gar eine reife Spiritualität, eröffnet sich mir aus den von mir gehörten Gesprächsabschnitten nicht. Vielmehr scheint mir die Vollverschleierung ein besonders auffälliges wie Distanz herstellendes Symbol für einen bestimmten Lebensstil zu sein, welcher aus einer vor allem unsicheren Haltung ergriffen wird - und nicht selten zur Prüfung gerät: Bin ich willensstark genug, mich den empörten und angewiderten Blicken, den unfreundlichen, wütenden und verletzenden Kommentaren auszusetzen?
Eine der Portraitierten kommt wiederholt auf die hohe Zahl seelischer Erkrankungen in westlichen Staaten zu sprechen: In islamischen Ländern gäbe es nicht so viele an Depressionen leidende Menschen. Ohne, dass ich darüber Bescheid weiß, kann ich mir das aus verschiedenen Gründen, und ganz besonders aus dem (sozial forcierten) Zusammenhalt von Familien erklären, obschon ich ahne, dass in solchen Gesellschaften seelische Probleme nicht gering sein werden, wahrscheinlich jedoch anders oder eben nur verdeckt zutage treten. Ich erinnere mich an eine junge Kollegin, die sich vor zwei Jahren das Leben nahm. Hätte eine vergleichsweise solide Struktur wie die des Islam ihr Halt im Diesseits geben können - oder hätte sie sich dadurch unerträglich eingeengt gefühlt? Es ist müßig darüber zu grübeln, doch solche Fragen tauchen auf, wenn wir uns Menschen und dem Menschlichen annähern; und somit dem allzu menschlich Chaotischen wie Abgründigen.


Wenn „Munaqabba“ in meiner Wahrnehmung eines zutage fördert, dann ist es vor allem eine erstaunliche Bandbreite an Profanem, die mir eine Begegnung mit den Menschen hinter den Schleiern wenigstens nicht furchtbar unsympathisch erscheinen lassen. Während meines Aufenthalts in der Ausstellung vernehme ich zumindest keine Aussage, die mir absolut fremd scheint, im Gegenteil: In vielem erkenne ich mich wieder. Unbehagen und Angst vor einer unüberschaubaren Welt. Rückzug unter Meinesgleichen. Anpassungs- und Leistungsdruck. Geldsorgen. Abneigung gegenüber einem Materialismus, dem ich kaum entkomme. Der Fokus auf vollverschleierte Frauen in Deutschland mag dazu geführt haben, dass ich Aussagen über erzwungene Verschleierung in anderen Teilen der Welt und die religiös ummantelte Unterdrückung, Erniedrigung, Folter und Tötung von Frauen vermisse. (Es mag allerdings sein, dass ich die entsprechenden Gesprächausschnitte nicht gehört habe, denn diese sind sehr umfassend und nicht umfänglich auf die Schnelle zu hören.)

Kunst kann wohl eher selten jene belehren, deren Weltanschauung in Stein gemeißelt ist. Allerdings kann Kunst irritieren, innehalten lassen, faszinieren, Widerstand erzeugen oder aufweichen, überraschen, und zur Begegnung - auch mit sich selbst - einladen. Selina Pfrüner gelingt all das mit ihrer Ausstellung „Munaquabba“ ebenso unprätentiös wie eindrucksvoll. Während eilfertige Kritiker ihre von Angst und Hass umschlossenen Vorurteile auf die vermeintlichen politischen Botschaften ihrer multimedialen Installation projizieren, mögen Besucher mit offenen Herzen vielleicht ein anderes Plädoyer der Photographin erkennen: Die Menschen und das Allzumenschliche hinter den fremden - und den eigenen - Schleiern nicht zu vergessen.
Dass solche Kunst - und um Kunst handelt es sich hier ganz ohne Zweifel - förderungswürdig ist, kann allenfalls bestreiten, wer den Dialog mit seinen Mitmenschen bereits aufgegeben hat. Solchen Verzweifelten wäre es zu wünschen, dass sie Zeit und Ruhe fänden, den Verschleierten eine Weile Gehör zu schenken. Möglicherweise würde sich in ihnen Überraschung einstellen, vielleicht auch Neugier - und günstigstenfalls in einigen Fällen sogar Erleichterung. Dass eine solche Ausstellung kritikwürdig ist, daran wird unter aufgeklärten Geistern ebenfalls kein Zweifel bestehen. Und natürlich muss jeder Mensch die Toleranz aufbringen, seinen demonstrativ zur Schau gestellten - vermeintlich religiösen - Lebenswandel, von Anderen als Quatsch bezeichnen zu lassen. Denn erfreulicherweise erlaubt die Demokratie, über (fast?) alles zu quatschen.

Notiert im Juni 2019

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