Safer Internet Day 2020 - Thorheiten

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Safer Internet Day 2020

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Ein Plädoyer für Medienerziehung so früh wie möglich

So lässt sich der von der Polizei Köln im Februar 2020 veranstaltete sechste Safer Internet Day zusammenfassen, der unter dem Titel „Grenzenlos! Gemeinsam gegen die digitale Unrechtskultur“ stattfand. „Medien-Kompetenz muss gelernt werden“, fordert Gastgeber Rainer Müller in seiner Eröffnungsrede. Seine KollegInnen beobachten eine „Online-Enthemmung“ in vielerlei Hinsicht, im Netz seien „Tabubrüche eine Normalität“.

Dem stimmen Elena und Dirk Beerhenke vom Bereich Kriminalprävention zu. Es komme mittlerweile selbst in Grundschulen zu schweren Straftaten durch das Verschicken von Nacktbildern, auf denen Kinder oder Jugendliche zu sehen sind (= Kinder- bzw. Jugendpornographie). Dieses kriminelle Phänomen nehme in letzter Zeit zu, während die so genannte „hate speech“ aktuell abnähme. Während die Online-Welt in stetem schnellen Wandel begriffen sei, würden jedoch viele Behörden, Institutionen und Menschen, die älter als die „Digital Natives“ sind, der Entwicklung zu oft ahnungslos folgen.
Als größten Bildungsauftrag nennen die beiden PolizistInnen die Entwicklung von Empathie, denn ihre KollegInnen berichteten immer häufiger von jungen TäterInnen, die jegliches Mitgefühl mit Opfern vermissen lassen. So würden Kinder z.B. über Smartphones Videos versenden, auf denen die Vergewaltigung eines anderen Kindes gezeigt wird, und dieses Video würde „geliked“ oder entsprechend kommentiert, ohne dass erkannt werde, dass es sich hier um ein Verbrechen gegen die Menschenwürde handelt. Schülerinnen und Schüler müssen soziale Normen und Selbstkontrolle lernen, so die Präventions-Experten, und zwar je früher, desto effektiver.

Dr. Alexander Martin (Photo: Uni Köln)

Erwachsene: Vorbilder in Medienkompetenz?

Alexander Martin, Erziehungswissenschaftler der Uni Köln, stellt die Frage: „Wie gut leben Erwachsene den Umgang mit Medien vor? Welche Alternativen (zu stetem Medien-Konsum) bieten wir Kindern und Heranwachsenden an?“

Er beobachtet, wie sehr das bald pausenlose Online-Sein dauerhaften Stress erzeugt, da es ständig Entscheidungen beim Medien-Nutzer fordert. „Digitale Medien beeinflussen unsere Umweltwahrnehmungen in hohem Maße“, so Martin, der weitere Fragen an uns alle richtet: „Welche Werte vertreten wir angesichts unüberschaubarer Digitalisierung? Wo und wie verorten wir uns in disruptiven (von Störungen geprägten) Zeiten?“
Grundsätzlich unerlässlich sei für die Entwicklung von Medienkompetenz eine Haltung und Kompetenz, die vorgelebt wird und die Orientierung bietet. Der Pädagoge spricht sich zudem dafür aus, Medienkompetenz möglichst früh zu fördern, bevor sich schlechte Handlungsmuster bilden und festigen.
Eine Gefahr, die leider noch viel zu stark ignoriert werde, liege seines Erachtens nach darin, dass Inhalte der Erwachsenenwelt online ständig verfügbar sind. Mit diesen Inhalten würden bislang viele Kinder viel zu sehr alleine gelassen, und zwar mit den fadenscheinigsten Begründungen („die kennen sich da eh viel besser aus als ich“, …). Martin spricht sich dafür aus, dass Erwachsene sich einerseits Zeit nehmen und gemeinsam mit ihren Kindern online gehen und Inhalte mit ihnen besprechen, und andererseits ihrer Verantwortung nachkommen, Grenzen setzen und Kindern den Zugang zu gefährlichen Inhalten verwehren.
Wenn wir Erwachsene bei Medien-Missbrauch wie z.B. Cybermobbing von Kindern und Jugendlichen nicht eingreifen, dann wird unsere Passivität als Billigung dissozialen Handelns gedeutet. Cybermobbing deutet der Pädagoge als Versuch der TäterInnen, Anerkennung zu erhalten, also als eine Bedürfnisbefriedigung. Während das Opfer erniedrigt wird, kann sich der / die TäterIn als machtvoll erleben. Bei pädagogischen Interventionen sei es daher wichtig, auch passive „Bystander“ anzusprechen und gegen das Mobbing Stellung beziehen zu lassen, um TäterInnen die Anerkennung zu nehmen.
Im Hinblick auf Schulen spricht sich Martin für die Förderung so genannter „Medien-Scouts“ (ab Klasse 5?) aus, die als MitschülerInnen auf Augenhöhe über Risiken und Gefahren im Umgang mit bestimmten Medien informieren und sensibilisieren. Früher oder später würden sich Kinder bzw. Jugendliche ohnehin Zugang zu entsprechenden Inhalten verschaffen, daher sei es wichtig, dass sie nicht nur totale Verbote erlebten (wie z.B. ein umfassendes Verbot der Handy-Nutzung in der Schule), sondern auch von ihresgleichen an einen kritischen Umgang mit neuen Medien herangeführt werden.


Überbehütet auf dem Weg zur Schule, allein gelassen im Internet?

Für Prävention an Grundschulen spricht sich auch Peter Sommerhalter vom Bündnis gegen Cybermobbing aus. Er beobachtet bei zahlreichen Eltern eine inkonsequente Haltung im Hinblick auf neue Medien: Während nicht wenige Kinder im realen Leben mittlerweile oft überbehütet würden und sie manche  altersgemäßen Entwicklungsschritte kaum alleine gehen könnten, also viele Erfahrungen nicht ohne die wachsamen Eltern machen dürften, würden sie online viel zu wenig oder gar nicht begleitet. So käme es, dass Jugendliche, die noch bis in ein vergleichsweise hohes Alter zur Schule chauffiert werden und denen alles Mögliche hinterher getragen wird, sich online alleine oder nur in der peer group mit extremen und Menschen-verachtenden Inhalten auseinandersetzen müssten. Eine verantwortungsvolle Kontrolle fehle oft.
Auch Sommerhalter berichtet davon, dass in WhatsApp-Klassenchats die Verbreitung von kinderpornographischen oder anderen kriminellen Inhalten zunimmt. Durch das Format von WhatsApp würde sich zudem die Möglichkeit, Gruppendruck auf Einzelne auszuüben, immens erhöhen. Einige Kinder, denen verantwortungsvolle Eltern vor dem Zu-Bett-Gehen das Smartphone abnehmen, würden mittlerweile Schlafstörungen entwickeln, weil sie auf eine Weise von der entscheidenden Kommunikation abgeschnitten sind, die sie zu sozialen Außenseitern in der Klasse macht: Sie sind nicht rund um die Uhr eingeweiht.
Sommerhalter belässt es nicht bei einem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr aktive Verantwortung seitens der Erwachsenen, sondern führt den anwesenden PädagogInnen und PolizistInnen eindrucksvoll vor, wie schnell sich eine Wahrnehmung von "wir gegen die" erzeugen und verstärken lässt. Wie es sich anfühlt, ausgegrenzt und gemobbt zu werden, verdeutlicht der Medienexperte mit einem Gedicht, dass eine Mobbing-erfahrene Schülerin zu Verarbeitung des erlebten Horrors geschrieben hat - und das im Grunde in jeder Schule im Unterricht behandelt werden sollte.


Das Netz vergisst nie

Christian Kubiak von der ECO Beschwerdestelle weist schließlich darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mittlerweile selbst – ebenso unbedarft wie unwissentlich – kinderpornographisches Material produzieren. Dies geschieht z.B. beim so genannten „Posing“, das u.a. von InfluencerInnen quasi online erlernt und übernommen wird. Für ein kinderpornographisches Posing ist nicht zwingend Nacktheit erforderlich, sondern bereits eine geschlechtsbetonte Präsentation des kindlichen Körpers in Kombination mit einer unnatürlichen, d.h. dem Alter nicht angemessenen Pose können aus juristischer Sicht als Kinderpornographie bewertet werden. Die Herstellung, der Besitz und die Verbreitung kinderpornographischen Materials sind verboten, und somit kommt es in der Folge des von Kindern und Jugendlichen betriebenen Posings dazu, dass Kinder selbst strafrechtlich relevantes Material produzieren, in Umlauf und somit jede/n EmpfängerIn in kriminelle Zusammenhänge bringen. Diese rechtlichen Zusammenhänge sind Kindern in der Regel nicht, Jugendlichen nur wenig und selbst vielen Erwachsenen nicht umfänglich bekannt. Das führt dazu, dass mittlerweile zahlreiche Menschen im Besitz von kinderpornographischem Material sind und damit umgehen, ohne sich einer Straftat – oder auch nur einer fragwürdigen Handlung – bewusst zu sein. Hinzu kommt nach Kubiak die Erfahrung aus der Praxis „das Netz vergisst nie“.


Fazit:

Bietet das Internet denn nicht auch ganz tolle Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche? Die Frage wird kaum jemand ernsthaft mit "nein" beantworten können - vor allem nicht einen Monat nach dem Safer Internet Day, als die ersten Schulen in Folge der Corona-Virus-Pandemie schließen. Doch eine verantwortungsvolle Nutzung des Internets mit zahlreichen Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Bildung steht nicht im Widerspruch zu den offensichtlichen Abgründen, mit denen junge und jüngste Menschen auf gar keinen Fall alleine gelassen werden sollten. Sonst sind Stress, leichte Erregbarkeit, Abhängigkeit, Empathielosigkeit, Verrohung und Dissozialität reale Gefahren (nicht nur) für Kinder und Jugendliche, wie der Safer Internet Day eindrücklich verdeutlichte.

Notiert im März 2020


Lese-Tipps:

Magazin für Computertechnik: Kinder sicher im Netz - Themenausgabe [Preis: 5,20 €] (2020)

Antje vom Berg, Referentin in der Landesanstalt für Medien NRW, in der Zeit: "Bis wann kann ich meinem Kind das Smartphone verbieten?" (2020)


Zum Nachhören:

Ein Interview von domradio.de mit Antje vom Berg: "Das ist kein harmloser Jugendstreich" (01/2020)


Für Kinder:

Kakadu-Sendung (zum Hören): "Ab wann darf ich ein Handy haben?" (03/2020)

Kika-Sendung (Video): "Du Opfer! LOL - Cybermobbing" (2017)

Kiraka-Galerie: Cybermobbing - Definitionen & mehr (2017)


© Thor Wanzek 2018-2020
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