Suizidalität bei Kindern - Thorheiten

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Suizidalität bei Kindern

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Elternwerkstatt im dumont Studio Köln, 18.11.2019

Referent: Prof. Dr. Christoph Wewetzer, Leiter der Städt. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Köln-Holweide

Zu Beginn seines Vortrags berichtet Wewetzer von einer „dramatischen Zunahme von Suizidalität“ bei Kindern und Jugendlichen. In 2018 hätte seine Klinik 480 Notaufnahmen verzeichnet, von denen die suizidalen Fälle rund 90 Prozent ausgemacht hätten. Wären suizidale Notfälle bis vor wenigen Jahren ab einem Alter von rund zwölf Jahren aufgetreten, würden aktuell bereits Kinder im Alter von 10 Jahren suizidal in Erscheinung treten.

Suizidale Gedanken seien bei Kindern und Jugendlichen relativ weit verbreitet, so der Experte. Je nach - fundierter - Studie würden sich ungefähr 15 bis 35 Prozent gedanklich mit Suizid beschäftigen. Eine solch theoretische Beschäftigung führe jedoch bei den meisten Minderjährigen nicht zwangsweise zu gefährlichen Handlungsweisen. Doch da das Thema einerseits tabuisiert werde bzw. der richtige Umgang damit selbst vielen Professionellen schwer falle, andererseits vor allem Medien durch kritikwürdige bis verantwortungslose Darstellungen den Suizid einseitig überhöhen und romantisieren* (z.B. beim Freitod von Robert Enke), seien faktische Größenordnungen kaum bekannt: Jährlich nehmen sich in Deutschland rund 10.000 Menschen das Leben, über 100.000 unternehmen Suizidversuche.
Mit „Romantisierung“ bezeichnet der Psychologe eine Berichterstattung, die z.B. einen starken Fokus auf die trauernden Hinterbliebenen richtet, die im Schock des Verlustes natürlich vorwiegend positive Aussagen über die / den Verstorbene/n treffen. So etwas könne bei Suizidgefährdeten dazu führen, dass sie sich quasi in die Vorstellung hineinphantasieren, wie andere Menschen um sie trauern und - endlich! - Gutes über sie erzählen.
Auch würden manche Suizidopfer posthum quasi als Helden verklärt. Diese unrealistische, einseitige Überhöhung würde bei suizidalen Menschen ggf. den Wunsch verstärken, durch den Suizid ähnliche Anerkennung zu bewirken - auch wenn sie diese selbst nicht mehr erleben könnten.
Viele Menschen, die Suizidversuche unternehmen, erlebten eine „Aufforderung“ an sich gerichtet: So sind nach der Medienberichterstattung über den Suizid Robert Enkes die Selbstmordzahlen über Wochen hinweg auf ein Vielfaches angestiegen, weil sich Menschen durch die Darstellung in einigen Medien offenbar inspiriert fühlten. Auch ließen sich zwischen Berichterstattungen über andere Suizide und Nachahmertaten deutliche Zusammenhänge erkennen. Je BILDhafter suizidale Handlungen in Medien beschrieben würden, umso mehr Suizidgefährdete missbrauchten sie als Anleitung. Heute ließe sich der so genannte „Werther-Effekt“ z.B. bei Serien wie „Tote Mädchen lügen nicht“ beobachten, und generell sei der Einfluss von Medien mittlerweile groß. So seien im Internet Handlungsanweisungen, Bauanleitungen u.ä. zu finden, dazu Tipps, um z.B. an genügend Medikamente zu kommen. Auch würden sich zunehmend mehr Jugendliche zum gemeinsamen Suizid im Internet verabreden. Dabei handele es sich meist um einsame jungen Menschen, die im Netz nach Gleichgesinnten suchen.
Doch auch suizidale Taten in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis können nach Wewetzer einen Aufforderungscharakter annehmen; vor allem dann, wenn sie einseitig überhöht werden, z.B. in Redensweisen wie „nun hat sie/er endlich seinen Frieden gefunden“ o.ä.

Einige Warnhinweise, die auf Suizidalität hindeuten können:

- Verzweiflung, Ratlosig-, Hilf- & Hoffnungslosigkeit
- Geringer Selbstwert, geringes Selbstbewusstsein
- Rückzug und soziale Isolation (z.B. als Folge von Mobbing)
- Lustlosigkeit, Bewegungsmangel
- Anhaltende Traurigkeit, niedergeschlagene Stimmung
- Schlaflosigkeit
- Phasen des Grübelns ohne Ausweg
- Äußerungen über die Sinnlosigkeit des Lebens

Einige Symptome bei sieben- bis zwölfjährigen Kindern:

- Psychomotorische Hemmung
- Traurigkeit
- Zukunftsangst
- Appetitlosigkeit
- (Ein-)Schlafstörung

Bericht im ZDF über Suizidalität im Kinder- und Jugendalter (2019)


Was können Eltern, Angehörige, Pädagogen, Trainer u.a. machen, wenn sie solche Symptome wahrnehmen?

Auch heute noch würden selbst zahlreiche Professionelle den Fehler machen, ihre Wahrnehmungen nicht zu schildern bzw. das Thema nicht konkret anzusprechen, weil sie fürchteten, die Betroffenen damit auf „falsche Ideen“ zu bringen, so Wewetzer. Doch gerade das sei falsch, weil die jungen Menschen dann mit ihren bedrückenden Wahrnehmungen, Ängsten, Sorgen, Depressionen u.ä. allein gelassen und in ihrer Motivation zum Suizid bestärkt werden könnten. Daher sei es wichtig, sich Zeit zu nehmen und das Gespräch zu suchen, um Klarheit zu bekommen. Das heiße auch, im sicheren, vertrauensvollen Rahmen Tacheles zu reden und konkret nachzufragen, um je nach Stadium der suizidalen Gedanken bis Handlungen ggf. weitere Schritte einzuleiten. Je konkreter die suizidalen Gedanken bzw. der Plan, umso höher die Suizidalität. (Die alte Formel „wer sich ritzt, bringt sich nicht um“ sei derweil des Gegenteils überführt, so der Psychologe: Wer sich schneidet, werde mit vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit auch suizidal.)

Wichtig sei es, Gründe und Auslöser für suizidale Gedanken und Planungen nachzufragen, und Verständnis für die Gefühle des Betroffenen zu zeigen. Exemplarisch berichtet Wewetzer von der in den letzten Jahren stark steigenden Zahl von Mädchen, die Suizidversuche unternahmen, nachdem Ex-Freunde kompromittierende Photos in „sozialen Netzwerken“ veröffentlicht hatten und diese z.B. an Schulen oder Vereinen viral gingen. Hier sei Empathie und Verständnis für eine Lebenslage gefragt, in der von einem Tag auf den anderen ein enormer Druck über jungen Menschen hereinbreche, dem sie sich - mit Recht - hilflos ausgeliefert fühlen.

Eigene Ressourcen ließen sich auch bei suizidalen Menschen wecken, wenn Ambivalenzen nachgefragt würden, z.B.: „Was hat dich bisher davon abgehalten, dich zu töten?“, „Was ist anders an Tagen, an denen dich solche Gedanken nicht (so stark) umtreiben?“ u.ä.

Je gefährdeter junge Menschen akut seien, so der Psychologe, umso weniger seien sie empfänglich für Deutungen oder übereilte Vorschläge. Letztere könnten die Wahrnehmung, nicht wirklich ernst genommen zu werden, bestätigen oder gar verstärken und somit den Entschluss zum Suizid begünstigen.

In akuten Krisen sei immer ein Notarzt anzurufen. Eine konkrete, ernste Suizidankündigung oder -handlung sei so schwerwiegend wie ein Herzinfarkt, so der Klinikleiter.

Wenn sich der Verdacht erhärte, dass ein Kind oder ein/e Jugendliche/r suizidale Gedanken hat, die über eine unkonkrete Vorstellung hinausgehen, so sollten Lehrer, Erzieher oder andere Professionelle das Gespräch suchen, im Gespräch bleiben (also auch nach einem ersten Gespräch das Thema erneut ansprechen, am Ball bleiben und bereits dadurch deutlich signalisieren „du bist mir wichtig und du bist es wert, dass du Hilfe erhältst“), sowie Hilfe von Experten (Psychologen für das Kinder- und Jugendalter, Psychiater, spezielle telefonische Angebote wie die „Nummer gegen Kummer“) vermitteln.

Protokolliert im November 2019

Links zum Thema:


Flyer des Zentrums für Schulpsychologie: Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen


Weiterführende Literatur:

Christoph Wewetzer & Kurt Quaschner: Ratgeber Suizidalität


© Thor Wanzek 2018-2020
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