Sveinbjörn Beinteinsson - Thorheiten

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Sveinbjörn Beinteinsson

Mutmacher

"Wir müssen uns erst mal in Ruhe irgendwohin setzen und warten, dass die Seele nachkommt."

Sveinbjörn Beinteinsson (1924-1993) war ein Schafhirte, zudem war er ein Dichter und Sänger, und auch ein - wenn nicht anfangs sogar der entscheidende - Wegbereiter für die Anerkennung des Heidentums in Island als offizielle Religion, ergo als Alternative zum Christentum. Somit regt Beinteinsson bis heute Menschen in der westlichen Welt an, sich zu fragen, ob es Alternativen zu - meist vor mehr als tausend Jahren importierten - monotheistischen Religionen geben könnte, die in der Zeit bzw. in den Kulturen vor jenem Import wurzeln; ob es sich lohnt, diese verschütteten oder abgetrennten Wurzeln neu zu wässern und etwas vergleichsweise Altes neu wachsen zu lassen?
War Beinteinsson ein Hippie, ein Spinner, ein Phantast? Zeit seines Lebens wirkte der Begründer des Ásatrú - des isländischen Neuheidentums - scheinbar fasziniered auf verschiedene Künstlerinnen und Künstler, und zwar auch jenseits seiner Heimat.
Eine Faszination ergriff mich, als ich im Alter von 19 Jahren zum ersten Mal ein Photo dieses Mannes in einem Photo-Bildband über Island erblickte. Ohne zu wissen, um wen es sich bei dem Portraitierten handelte, kopierte ich das Photo, und druckte es in einer Ausgabe meines Fanzines mit einem kleinen, weithin bekannten Vers aus J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ab:

Nicht alles, was Gold ist, funkelt,
Nicht jeder, der wandert, verlorn,
Das Alte wird nicht verdunkelt,
Noch Wurzeln der Tiefe erfrorn.
(nach der Übersetzung von Margaret Carroux)

Intuitiv hatte ich also dieses mich unweigerlich in seinen Bann ziehende Portrait des Isländers - eine Erscheinung von Gandalf? - mit einigen hoffnungsvollen Zeilen aus einem Roman verbunden, dessen heidnische Wurzeln ich damals kaum in ihrer Vielzahl und Tiefe und erahnte. Erst einige Jahre später sollte mir ein Buch in die Hände fallen, das meines Wissens nach das einzige in deutscher Sprache veröffentlichte Interview mit Beinteinsson über seine Wahrnehmungen und Ratschläge enthält (wenn es weitere Interviews geben sollte, so freue ich mich über Hinweise oder Zusendungen). Ob diese nun dezidiert „heidnisch“ sind, mag jede/r für sich selbst entscheiden - vorausgesetzt, das spielt überhaupt eine Rolle.Für mich tut es das nicht. Mich berührt bis heute der Tonfall jenes Mannes, der in einfachen Worten zu seiner Zeit ganz ähnliche Warnungen und Ratschläge äußerte wie bspw. auch der Sozialpsychologe Erich Fromm (Stichwort: „Die Liebe zum Leben“) oder etwas früher der Kulturphilosoph Max Picard, also keineswegs (neu-)heidnische und zweifelsohne sehr gebildete Autoren.

Beinteinsson sprach in seinem 63. Lebensjahr mit der - derweil überaus renommierten - deutschen Autorin und Fernsehjournalistin Gisela Graichen für ihren Interview-Sammelband „Die neuen Hexen“ (1986). In dem Gespräch  legte er zunächst dar, wie es dazu kam, dass er und einige Zeitgenossen sich der vorchristlichen Religion, also dem Volksglauben aus der Wikingerzeit zuzuwandten, und sich für eine Neubelebung desselben stark machten:

„Schon in meiner Kindheit habe ich mich für die alten Götter interessiert. (...) Gleich als ich lesen konnte, beschäftigte ich mich mit den Sagas, und mit 16 brachte ich meine ersten eigenen Gedichte über die alten Götter heraus.“

„Im Winter 1971/72 kamen in Island einige christliche Sekten auf wie die Kinder Jesu, und ich sagte mir, wir haben im Land einen alten Glauben. Warum sollten wir den nicht wieder ins Leben rufen? Wieso brauchten wir diese Sekten? (...) Wir wollten den Menschen eine Wahlmöglichkeit geben, indem wir ihnen die alte Religion anbieten.“

Für Beinteinsson stellte die Rückbesinnung auf den alten Glauben keine zusammenhanglose Entscheidung oder einen weiteren künstlichen Bruch in der Moderne dar, denn:

„Das einfache Volk hat immer an die Natur geglaubt, an Naturereignisse, an Wesen, die in der Natur leben wie Elfen, Kobolde und gute, positive Wesen, die die Menschen begleiten und ihnen helfen.“

Dem Dichter und Sänger zufolge haben die Menschen in der Moderne den bisherigen - „ursprünglichen“ - Kontakt zur Natur verloren, und somit zu den ihr innewohnenden Kräften. Stattdessen richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf Dinge, die sie vom Wesentlichen, vom Leben selbst ablenken:

„Diese Kräfte, die aus dem engen Kontakt mit der Natur entstehen, waren früher in den Menschen vorhanden. Im Laufe der Zeit haben wir diese Fähigkeiten verloren und versucht, sie durch Pseudodinge wie stärkere Autos und größere Häuser zu ersetzen. Jetzt werden wir uns wieder bewusst, dass diese Kräfte tief im Innern ins uns ruhen, und wir wollen sie wieder hervorholen.“

„Man muss offen für die Möglichkeit sein, dass wir mit unserem Geist weitergehen können. Wir haben die Fähigkeit, wieder Kontakt zu den Kräften zu bekommen. Diese Fähigkeit müssen wir kultivieren, wir dürfen sie nicht länger missachten. Da die Wissenschaft nur das anerkennt, was man mit dem Kopf und dem Verstand macht, hat sie uns von diesen Fähigkeiten und Möglichkeiten weggeführt. (...) Rein äußerlich gewöhnt der Mensch sich erstaunlich schnell an neue Dinge, aber sein ganz normales, intuitives Verhältnis zur Natur hat er verloren. Stattdessen baut er sich so viel tote Umgebung. Der Mensch baut sich ständig Wüsten.“

Beinteinsson, der mit verschiedenen MusikerInnen und Bands zwischen Avantgarde und Underground zusammenarbeitete, nahm die ständige Hetze, mit welcher das Leben in der Moderne einhergeht, als Bedrohung für unsere Seelenleben wahr. Er anerkannte einerseits, dass der technische Fortschritt - zu seiner Zeit noch Autos und Fernsehen - nicht aufzuhalten sei, andererseits vermisste er eine gesunde Balance im Umgang mit diesen Neuerungen und fürchtete, dass wir uns von ihnen abhängig machen (lassen):

„Nachdem Technik und Wissenschaft über uns hereingebrochen sind, müssen wir uns erstmal in Ruhe irgendwohin setzen und warten, dass die Seele nachkommt. (...) Ich will die Zeit nicht tausend Jahre zurückdrehen. Ich muss mein Leben an die heutige Zeit anpassen. Wir können und wollen die technische Entwicklung nicht abschaffen.“

„Wir müssen lernen, damit [Autos und Fernsehen] umzugehen. Diese Dinge dürfen nicht die alte Ausgewogenheit der Menschen zerstören, die sie früher hatten. Die Wissenschaft hat uns unser Gleichgewicht im Leben genommen. Wir fühlen uns nicht mehr wohl. In meiner Jugend habe ich hier in Island dieses Gleichgewicht noch bei den Älteren erlebt. Sie führten ein einfaches Leben, versuchten, niemandem weh zu tun, sie ruhten in sich. Menschen, die in sich ruhen, gibt es kaum noch. Das haben die schnellen technischen Entwicklungen zerstört.“

Mit der Rückbesinnung auf den alten Volksglauben, auf Dichtung und Gesang, auf ein Miteinander mit der Natur und dem Leben, wollte Beinteinsson einen ruhigen Gegenpol zur rasenden Entwicklung setzen - Heidentum als Zeitgewinn: Zum Runterkommen, zum Wolken- oder Ins-Land-Schauen, zur Kontaktaufnahme mit dem, was fließt und wächst:

„Es ist eine besondere Aufgabe unserer Religion, die Verbindung des Menschen zur Natur wiederherzustellen, zu allen Kräften, die in der Natur sind, um sie verstehen zu können. Es fließt ein Bach, es wächst ein Baum, der Mensch ist nur Teil dieses Prozesses. Er muss sich bewusst als einen Teil des Ablaufs der Naturkräfte empfinden.“

„Das ist eines unserer Hauptziele: Mit dieser Ausgewogenheit auch durch die neue Zeit gehen zu können, die Balance nicht zu verlieren.“

"Wir werden es mit Ruhe und Gelassenheit abwarten [ob sich die neue - alte - Religion ausbreiten wird]."

Ruhe und Gelassenheit - mit dieser Haltung verteidigte der Poet den Ásatrú-Glauben gegen eine Vereinnahmung durch Extremisten. Sein Plädoyer für eine Neuorientierung weist einmal mehr eine größere Nähe zur Philosophie von Erich Fromm auf als eine Anschlussfähigkeit an radikale Menschen-verachtende Varianten von Neuheidentum:

„Wir wollen auf unsere Seele warten, lernen, die Aggressionslust aus uns herauszutreiben, weniger zu verlangen, nicht meinen, alles haben zu wollen. Menschen können lernen, weniger aggressiv miteinander umzugehen, sondern aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu helfen. (...) Die Leute müssen diesen Weg ohne Extremismus gehen, ohne Aggressionen.“

Doch wie kann ein Leben in einer Welt gelingen, in der viele Menschen nach wie vor Wüsten bauen? Wie können wir zu Ruhe und Gelassenheit in einer Welt finden, in der die Abstände zwischen angeblich dringend nötigen Updates immer flüchtiger werden?  Es mag kaum verwundern, dass der Dichter vorschlug, sich der eigenen Sprache zuzuwenden, denn gerade er wusste, dass wir verborgene Schönheiten in der Natur umso einfacher oder intensiver wiederentdecken können, wenn wir uns in die Lage versetzen, die Wunder des Lebens mit Herz und Seele - und Humor - zu benennen:

„Mir ist die Verbindung zueinander wichtig, zur Natur, zu Islands alter Geschichte und Sprache. Wir bemühen uns, ein schönes, gutes Isländisch zu sprechen. Manchmal sagen wir im Scherz, wir müssen dieselbe schöne Sprache sprechen wie Odin.“


Die Zitate entstammen dem Kapitel „Wir haben einen alten Glauben. Wieso brauchen wir Sekten?“, veröffentlicht in dem von Gisela Graichen zusammengestellten Interview-Sammelband „Die neuen Hexen“ (1986).

Notiert im April 2020.

© Thor Wanzek 2018-2020
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