The Rise Of Jordan Peterson - Thorheiten

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The Rise Of Jordan Peterson

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Am 17. Januar 2020 präsentierten das Nullpunkt Filmfestival und Gunnar Kaiser die Dokumentation "The Rise of Jordan Peterson" als Deutschlandpremiere im Kölner Rex-Kino, und somit einen Film über einen vor allem in Amerika und Kanada lautstark umstrittenen Psychologen, der zahlreichen Menschen offenbar Mut macht und sie inspiriert, und vielen anderen wiederum Angst einzujagen scheint; kurzum: ein Mann, noch dazu ein nicht mehr ganz junger mit vergleichsweise heller Hautfarbe, der mit seinen öffentlichen Einlassungen stark polarisiert - und daran mit einem millionenfach verkauften Bestseller sicher nicht schlecht verdient.

Bereits wenige Minuten nach Filmstart kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Peterson krankhaft getrieben ist. Sein Name war mir vor einiger Zeit aufgefallen und am Rande nahm ich war, dass er eine offenbar tragende Rolle in "the great debate" um "Meinungsfreiheit", "political correctness" und dergleichen spielt, doch weder habe ich "12 Rules For Life" gelesen, noch habe ich kaum mehr als eine Ahnung, welcher psychologischen Denkschule er (wenn überhaupt) nahe steht, geschweige denn, welchen Weg er als Vor- oder Nachdenker bisher zurückgelegt hat. Dass er auf viel Widerstand trifft, war mir indes nicht verborgen geblieben. Die Vehemenz und die Unnachgiebigkeit, mit der er seine Standpunkte vorbringt, lassen mich angesichts der Dokumentation jedoch bereits nach kurzer Zeit innerlich auf Abstand gehen.
Gleichwohl hege ich keine Zweifel, dass Peterson eine Reihe vernünftiger Empfehlungen von sich gibt - ähnlich vernünftig, wie es vernünftige Eltern, Angehörige, Freunde, Bekannte, und überhaupt Helfer mit Herz und Verstand machen, wenn sie merken, dass ein nahestehender Mensch vielleicht einen sanften Anstupser oder einen beherzten Tritt in den Hintern braucht. Doch wie Gunnar Kaiser in seiner Vorrede treffend bemerkt, ist der Vorschlag, rauszugehen und sich einmal am Tag 15 Minuten an der frischen Luft zu bewegen, anstatt pausenlos am Bildschirm - z.B. Pornos und Computerspiele - zu konsumieren, nicht unbedingt revolutionär. Wertvoll ist ein solcher Impuls dennoch allemal, vor allem für diejenigen, die ihren Allerwertesten tatsächlich nicht mehr aus eigenem Antrieb in die Höhe stemmen können; und selbst wenn es erstaunlich scheinen mag, dass dieser Tage offenbar Millionen von Menschen auf Ratschläge dieses Kalibers von solch einem (medialen) Mentor wohl nahezu gewartet haben, so sind sie aller Ehren wert. Der Film beleuchtet einige Begegnungen von Peterson mit seinen Fans (ja, das Wort "Fans" macht hier Sinn), die ihm genau für diese Tritte in den Hintern danken, und ihr Leben in der Folge offenbar besser zu organisieren wissen. Von dem Erfolg in der Breite (via YouTube) scheint Peterson nach Jahrzehnten vergleichsweise unauffälliger Lehre selbst ein wenig überrumpelt, und stellt zumindest in ruhigeren Momenten vieles - auch an seinem Wirken - in Frage. Dass ruhigere Momente allerdings angesichts der Turbulenzen um seine Auftritte erkämpft werden müssen, verdeutlichen andere Szenen im Film, und die Vermutung liegt nahe, dass der umtriebige Autor, Dozent und YouTube-Star ohne seine Familie selbst (noch tiefer) ins Chaos driften würde.
In der somit also sehenswerten Dokumentation kommen neben seiner Familie auch Freunde, ehemalige Weggefährten und Förderer, sowie Gegner*innen zu Wort. Dabei wird deutlich, dass der einst sicher mit edlen Motiven gestartete Autor wiederholt in Auseinandersetzungen gezogen wird, deren lautstarke Niveaulosigkeit jegliche kritische Debatte, jegliches über-den-eigenen-Tellerrand-Hinausdenken, jegliche Übung in Toleranz, ganz zu schweigen von gegenseitiger Wertschätzung massiv erschweren bis verhindern. Wer sich ständig solch dummdreister und zuweilen nicht nur verbal aggressiver Diskursverweigerung gegenübersieht, der mag nach einer Weile die fundamentale Hilflosigkeit und Entfremdung jener Menschen übersehen und sich selbst in ungesunde Höhen aufschwingen - was mir prinzipiell absolut nachvollziehbar scheint. Ob Peterson sich auf einer quasi-religiösen Mission befindet, deutet der Film nur an - doch diese Andeutung reicht mir, um noch weiter auf Abstand zu gehen. Wer fortwährend mit armen Irren um "Wahrheit" ringt, der läuft Gefahr, als armer Irrer zu enden. Remember Nietzsche: Der Abgrund starrt offenbar schon lange zurück, während Petersons Kräfte schwinden ...
Dank Regisseurin Patricia Marcoccias vertraulicher Nähe zum vermeintlich wichtigsten westlichen Denker dieser Tage, kommt hinter dem kantigen Erscheinungsbild mit dem in Diskussionen harrschen Tonfall ein Mensch zum Vorschein, der seine eigenen Ratschläge an manchen Tagen - ähnlich wie viele von uns? - selbst wenig beherzigt, und der im Stahlbad der "Kritik" stählerne Züge annehmen kann. Es ist diese Nähe, die "The Rise Of Jordan Peterson" auszeichnet, weil sie das Menschliche in den Vordergrund rückt und die radikalen Verkürzungen zugunsten eines keineswegs widerspruchsfreien Portraits überwindet.

Während Peterson vor allem unangenehm getrieben auf mich wirkt, schwingt bei Gunnar Kaiser häufig eine ironische Distanz zum eigenen Vortrag mit, was mir prinzipiell sympathischer erscheint. Angesichts all des Contents, den der Lehrer createt (jawohl, so heißt das auf heute), stelle ich mir allerdings auch bei ihm die Frage, inwiefern er ein Getriebener jener Kanäle ist, die er - zweifelsohne kreativ, leidenschaftlich und geistreich - nahezu täglich mit neuem Input füttert. Und eben sein heutiger Vortrag lässt mich halb lachen, halb zweifeln, wenn er vor dem Publikum tatsächlich wiederholt empfiehlt: "Vielleicht könnt ihr auch darauf achten, wie im Film..." Da bin ich mir, wie bei einigen seiner YouTube-Videos, nicht sicher: Will er uns verar***en, oder kann er den (Ober-)Lehrer doch so schlecht abschütteln...? Falls letzteres der Fall ist, so möchte ich ihm, ganz ohne Peterson’schen Wut-Reflex, zurufen: "Herr Kaiser, die Schule ist aus, entspannen Sie doch mal!" (oder ungleich schöner mit der dröhnenden Stimme von Jochen Malmsheimer: "Chill mal dein Leben!")

Zusatz-Frage: Rein angenommen, die Film-Vorführung wäre von einem Politiker der sich als "Alternative" bezeichnenden Partei besucht worden, dem die Mechanismen der Empörung, der Diskurs-Abbrüche und Eskalationen bestens bekannt sind, weil er sie selbst - nicht zuletzt auf YouTube - aktiv mitgestaltet: Könnte ihm die Dokumentation helfen, auch sein eigenes Schaffen kritisch zu reflektieren, und Überlegungen jenseits schwarz-weißer - bzw. grün-blauer - Frontverhärtungen anzustellen? Wir werden es - vielleicht - erleben.

© Thor Wanzek 2018-2020
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