Transcultural Counceling - Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Transcultural Counceling

Texte > Berichte > Counceling Conference 2018
Das mit Orakel-Kammern aufwartende Ħal Saflieni Hypogeum auf Malta: Diente es bereits vor über 5000 Jahre als Beratungs-Praxis? (Photo: Wikipedia)

Wie kann Reden heilen – in aller Welt und zu allen Zeiten?

In seinem Vortrag über „Transcultural Counselling“ entwirft der ehemalige Geschichtslehrer und heutige Präsident der International Association of Counselling Dione Mifsud symbolhafte und mythische Panoramen, in denen er Beratung als universelles Thema der Menschheit in verschiedenen Zeitaltern darstellt.

Für Mifsud ist Beratung im weiteren Sinne so alt ist wie die ältesten Geschichten (Mythen, Märchen,...) der Menschheit. In Erzählungen, die davon handeln, wie sich Menschen quasi auf ihrer Reise durchs Leben im dunklen Wald oder in der Wildnis verirren, spiegeln sich „stürmische“ Lebensabschnitte  oder dunkle Zeiten, die wir alle durchleben. In einem solchen Sturm, womöglich im Angesicht auf uns zurollender, uns gar hinweg schwemmender Herausforderungen und Gefahren, sehnen wir Menschen uns nach Leuchttürmen, die uns Wege aufzeigen, bestenfalls in einen sicheren Hafen, in eine erhöht gelegene Festung führen.
Sowohl beim internationalen Vergleich, als auch beim Rückblick bis in antike Zeiten, gibt es Mifsud zufolge fünf globale, Zeit- und Kultur-unabhängige Schritte, die auf Beratungsprozesse nahezu immer zutreffen.

1. Zunächst tritt ein Problem auf: Menschen geraten in den metaphorischen Sturm, in den dunklen Wald oder die undurchdringliche Wildnis.
2. Das Problem wird früher oder später realisiert und anerkannt. In der Anerkennung des Problems liegt der erste Schritt zum Empowerment. An diesem Wendepunkt lassen sich bereits Mut und Hoffnung fassen.
3. Nun gilt es, einen sicheren Ort aufzusuchen, an dem Hilfe angeboten wird. Dabei kann es sich je nach Kultur z.B. um Kirchen, Orakel-Hütten, Beratungs-Räume und dergleichen handeln.
4. Hier wird das Gespräch mit einer besonderen Person gesucht: Mit Priestern, Schamanen, Beratern, Psychologen...
5. Das Gespräch bzw. die Hilfestellung führt zur „Erleuchtung“ (einem „Aha-Moment“), ergo zu einem Plan, wie vorzugehen ist, um das Problem zu minimieren, in den Griff zu bekommen, zu lösen.


Aktuelle Herausforderungen: Macht die moderne Welt uns Menschen krank?

Angesichts gegenwärtiger sich abzeichnender Herausforderungen, spricht Mifsud von den „stresses of modern life“ und erklärt: „The modern world is driving people to madness.“ Mit Sorge beobachtet er, dass im Alltag immer weniger Räume für Ruhe und Beratung, auch im traditionellen Sinne, blieben. Erziehung und Bildung im Sinne der griechischen „padeia“ (παιδεία), welche zu Reife und Selbsterkenntnis („erkenne dich selbst“) führen soll, erlebt er von modernen Phänomenen an den Rand gedrängt; einstige Versammlungsplätze für niedrigschwellige wie hoch effektive Beratung verwaist. Mifsud berichtet aus seiner maltesischen Heimat von Orten der Beratung in Form von 4.500 Jahre alten „Orakel-Kammern“ in Höhlen, sowie von gemeinschaftlich genutzten Waschsalons, in denen die Menschen noch bis vor wenigen Jahrzehnten beim gemeinsamen Wäschewaschen Zeit und Raum fanden, um u.a. ihre Probleme zu besprechen – und Ratschläge und Hilfe von ihresgleichen zu bekommen. „Der moderne Individualismus führt zu einer Verarmung der Beziehungen“, so Mifsud.

Als mythisch inspirierter Historiker versteht er Beratung quasi als Befreiung der Prinzessin aus den Klauen des Drachen. Der Berater habe in der Lebensführung und Entscheidungsfindung als ethisch-moralisches Vorbild zu dienen. Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit zeichne Berater vor allem aus. Vertrauenswürdig kann nach Mifsud auftreten, wer sich die Frage „Würde ich mir selbst – als Berater – vertrauen?“ stellt und positiv beantworten kann.


Einflüsse aus nicht-westlichen Traditionen und Philosophie

An die rhetorische Frage, ob Beratung eine spezifisch westliche Kulturtechnik sei, knüpft Mifsud zahlreiche weitere Fragen an, mit deren Beantwortung er sich eine Bereicherung der Beratungskultur verspricht. Zum Beispiel wirft er die Frage auf...

...wie viel Respekt wir anderen Beratungs-Techniken, -Stilen und -Geschichten entgegenbringen?

...welche blinden Flecken für unsere eigene Beratungskultur typisch sind?

...welche kulturellen Vorurteile unser Denken und Handeln bestimmen?

...wie viel Fremdartigkeit wir aushalten wollen?

Für ein Verständnis fremder Beratungskulturen sei ein Mindestmaß an Bescheidenheit vonnöten, so Mifsud, der am Ende seines Vortrags seine anti-moderne Haltung teilweise aufgibt, indem er die Frage aufwirft, inwiefern wir neue soziale Medien in Beratungsprozessen nutzen können. Technisch prinzipiell längst möglich, bedürfe es bei solchen Vernetzungen, wenn sie auf Dauer angelegt seien, ebenfalls eines grundsätzlichen Vertrauens und großer Loyalität. Wäre beides gegeben, dann könnten in Beratungsprozesse involvierte Menschen und Gruppen aus aller Welt neue Perspektiven auf bestimmte Herausforderungen entwickeln bzw. bei KollegInnen oder Ratsuchenden motivieren. „Peer Support“ wird von Mifsud also als eine kulturelle Grenzen transzendierende Chance zu internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit verstanden.

Protokolliert im November 2018

Interiew mit Dione Mifsud (auf Englisch): From Oracle Chambers To Clinics And Community Work


© Thor Wanzek 2018-2020
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü