Trolle - Thorheiten

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Trolle

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"Die Frau hatte ein langes Gesicht und sah grimmig drein, war krummnasig und mit hochgezogenen Schultern, von dunkler Gesichtsfarbe und hässlichen Wangen, mit abstoßendem Gesicht und kahler Stirn. Sie war schwarz von Haar und Haut, und trug einen verschrumpelten Lederkittel, der ihr hinten nicht einmal zum Arschansatz reichte. Sie schien ihm höchst unküssenswert, denn ein langer Nasentropfen hing ihr über die Wange hinab." - Ásmundarson: Gríms saga loðinkinna.


Unter den Geisteswissenschaftlern, die sich der Erforschung der germanischen und nordischen Sprachen, der darin verfassten Sagen, Mythen und Märchen widmen, ist er längst als guter Geist bekannt. Nun beweist Rudolf Simek mit seiner Abhandlung über Trolle, dass Neugier, Hinterwitz und Begeisterungsfähigkeit eine prächtige Ausgangsbasis für eine Wissenschaft bilden, die ihre Ergebnisse nicht weltfremd formuliert und sprachlich abgeschottet im Elfenbeinturm einmottet, sondern die im wahrsten Sinne des Wortes be-geist-ert und zur Begegnung einlädt - in diesem Fall mit Figuren, die ihrem üblen Ruf zum Trotz erstaunlich anpassungsfähig und facettenreich scheinen.

Simek fand Hinweise auf die vielgestaltigen Wesen bei der Lektüre von Aufzeichnungen aus dem mittelalterlichen Island. Zunächst tauchten Trolle allenfalls am Rande auf, erst mit der Zeit wurden sie detaillierter beschrieben. Die jeweiligen mehr oder minder sublimen Deutungen sagen mindestens ebenso viel über die Verfasser aus wie über die Dämonen, Widergänger, Unterirdischen und andersartig Beschriebenen selbst.

"Einige Hinweise in übersetzten religiösen Texten scheinen zu belegen, dass man auch sonst aus kirchlicher Sicht die Trolle einfach mit den Dämonen gleichsetzte. Rein weltliche Texte lassen eine solch klare Zuordnung nicht zu."

Während die Erscheinungsformen stark variieren können, bleibt an der Gesinnung von Trollen in der Regel kein Zweifel: Es sind ruchlose Wesen, die Unheil im Schilde führen, und deren Bosheit klare Verhältnisse schafft: Wo ein Troll auftaucht, ist Heldenmut und -witz im Kampf für die gute Sache gefragt.

"Trolle sind ideale Gegner, man kann perfekt mit ihnen kämpfen", konstatierte der Autor im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Und sie sind Gegengestalten, mit ihrer Hilfe kann man das Andere verstehbar machen. In Trollgeschichten spiegelt sich die Auseinandersetzung mit anderen Ethnien, es ist das alte Thema vom Eigenen und Fremden."
Vor diesem Hintergrund kann Simek der Bezeichnung von "Trollen", die im Internet ihr Unwesen treiben, tatsächlich einiges abgewinnen, wie er in dem Interview erläutert: "Es sind damals wie heute böse Figuren, die aus dem Hinterhalt agieren. (...) Die Internet-Trolle lehren uns auch etwas: Nämlich wie wir uns nicht im Netz benehmen sollten.“

Eine differenzierte Wahrnehmung von trolldomsmenn, tröll, trollkona oder trollkerling ist nicht zuletzt den schriftlichen Überlieferungen christlicher Gelehrter geschuldet. Warum sich ausgerechnet Mönche in ihren Aufzeichnungen diesen Unholden und heidnischer Zauberei widmeten, kann Simek nur vermuten. Vielleicht ging es den Schriftkundigen um die Bewahrung eines möglichst authentischen Bildes des Mittelalters mitsamt lebendiger Überlieferung des zeitgenössischen Aberglaubens?

"Neben der philosophisch-antiquarischen Bewahrung der Funktionen und Begriffe der vorchristlichen Formen des Trolldomr (...) findet sich auch noch ein anderer Zugang dazu aus christlicher Sicht, nämlich die Erklärung von Zauberei als reine Vorspiegelung, sjónhverfing, außernatürlicher Phänomene durch den Teufel und dessen Dämonen gegenüber den Menschen."

Eine Überlegung, die sich in Gedankenspielen sicher auf zahlreiche gegenwärtige Formen von Vorspiegelung - nicht zuletzt im Internet - übertragen lässt.
Die vielseitigen Zuschreibungen im Laufe der Jahrhunderte dokumentiert Simek ebenso akribisch wie die unterschiedlichen Konnotationen in verschiedenen Ländern. Während er die Vielfalt trollischer Wesen offensichtlich mit mehr als nur wissenschaftlicher Neugier beschreibt, kommentiert er die spät einsetzende Verniedlichung und Verkitschung von Trollen vergleichsweise scharf. Wie unmittelbar das Überleben der Troll-Erzählungen z.B. in Norwegen von ihren erklärten Feinden abhing, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass neben dem Volkskundler Peter Christen Asbjørnsen mit Jørgen Engebretsen Moe ein evangelischer Priester und späterer Bischof die entsprechenden Märchen im 19. Jahrhundert sammelte. Einige Jahrzehnte später gehören Trolle längst zum - auch nationalen - Selbstverständnis der meisten nordeuropäischen Ländern, sind Bestandteil einer populären Kultur, die auch in zweifelhaften Niederungen ihren flachen Ausdruck findet. Ungleich tiefer geraten philosophische Anspielungen auf das Trollhafte im Inneren des Menschen in der Dichtung von Henrik Ibsen, Knut Hamsun oder Jonas Lie.

"Dass da ein Troll in den Menschen steckt, weiß ein jeder, der ein wenig ein Auge für diese Sache hat. Das liegt innen in der Persönlichkeit und bindet sie wie ein unruhiges Felsstück, das launische Meer oder das unkontrollierbare Wetter..." - Jonas Lie, 1903.

Neben etlichen Verweisen auf Trolle und verwandte Wesen in zeitgenössischen Fantasy-Romanen, -Serien, -Filmen und mehr enthält Simeks Abhandlung auch einige Hinweise auf trollhafte Erscheinungen in den Landschaften des Nordens bereit, und lädt auf inspirierende Weise zur Erkundung derselben ein: Vorbildliche Wissenschaft, die nahezu magisch begeistert?

Der im Böhlau Verlag erschienene Band schlägt mit 30 € alles andere als günstig zu Buche, wartet dafür mit gelungenem Layout und sehr guter Lesbarkeit auf, was heutzutage auch bei renommierten Verlagen längst nicht mehr selbstverständlich ist. Damit ist "Trolle" also weit mehr als nur handwerklich gelungen, und somit für alle am Thema Interessierten rundherum empfehlenswert.


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