Vergegnungen in Köln - Thorheiten

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Vergegnungen in Köln

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Alle Gassen und Straßen sind voll Narren,
Die treiben Torheit an jedem Ort
Und wollen es doch nicht haben Wort.

(Sebastian Brandt: Vorrede zu dem Narrenschiff, 1494)


Kaum Alternativen erkennbar: Eine Chronik nahezu allseitiger Vergegnung

Es ist schwierig, über die jüngsten Ereignisse in Köln im Zusammenhang mit der AfD zu schreiben, und sich einer genauen Sprache zu bedienen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die AfD selbst Teile der Sprache aushöhlt und sinnentstellt - was wiederum ein im Grunde unübersehbarer Hinweis auf ihre Intentionen ist: Menschen, die sich ihrer vermeintlichen "Vaterlandsliebe" rühmen, doch noch nicht einmal ihre Muttersprache wertschätzen, sondern ihren ursprünglichen Reichtum und ihre Schönheit auf einen mutlosen Umfang reduzieren, der vor allem Angst und Feindseligkeit fördern bzw. aufrecht erhalten soll.

Diese negativ konnotierte Umdeutung beginnt bereits beim ersten Wort des Parteinamens, denn eine "Alternative" im ursprünglichen Sinne stellt diese Partei nicht wirklich dar. (Ein treffenderer Name könnte z.B. "Angstmacher für [ergo: gegen] Deutschland" sein.) Insofern scheint mir der Hinweis angebracht, dass die im Folgenden geschilderten Beobachtungen nicht wirklich im Rahmen des "Europa-Wahlkampfs" der AfD erfolgten, sondern im Rahmen so bezeichneter Aufführungen, die mit Europa - und vor allem mit all seiner Vielfalt und Pracht - nichts zu tun haben, allenfalls mit dem K(r)ampf der Partei gegen jede Hoffnung auf positive Entwicklungen auf eben jenem Kontinent.


Willkommen... Menschen... verachtung?

Mit ihrem vermeintlichen "Programm", in dem die beschriebene Angstmacherei eine Facette neben anderen betrüblichen bis wahrlich Besorgnis erregenden Punkten darstellt, liefert die AfD zweifelsohne profunde Gründe, nicht willkommen zu werden; nicht in Kalk, nicht in Köln, nicht in dem Land, für das sie sich angeblich stark machen möchte, und gegen das sie sich doch mit ihrer Ignoranz und Verachtung richtet.
Persönlich betroffen fühle ich mich vor allem von der Rhetorik einiger AfD-PolitikerInnen, wenn sie auf Menschen mit "Behinderung", oder jüngst auf Kinder und Jugendliche zu sprechen kommen, die offenbar - z.B. begünstigt durch ein wie auch immer geartetes "autistisches" Wesen - eigene Wahrnehmungen und eigenständige Ideen äußern. Die Ignoranz und Verachtung, welche besagte PolitikerInnen ihren jungen Mitmenschen entgegen bringen, lässt sich ohne Weiteres auch bei anderen Themen beobachten. In jenen Themenfeldern fühle ich mich jedoch nicht so bewandert wie z.B. beim Thema "Autismus" oder "Behinderung", daher also mein Augenmerk auf jenem Themenfeld und meine Motivation, die AfD in Köln, und vor allem "bei mir um die Ecke", in Kalk, nicht willkommen zu heißen.
Ergo entschließe ich mich, diese Haltung zumindest mit meiner Präsenz auf der Straße in "meinem" Veedel kundzutun, gleichwohl mir das Vokabular der Aufrufe und Ankündigungen einiger linksradikaler Gruppen im Vorfeld keineswegs gefällt, weshalb ich mir vornehme, mich eher am Rande der Veranstaltung aufzuhalten, an der auch BürgerInnen ohne radikale Bestrebungen teilnehmen.


Sonntag, 07. April 2019 - "Ich würde auch lieber auf dem Balkon sitzen und grillen."

So oder so ähnlich steht es auf dem Plakat eines Protestierenden geschrieben und darunter prangt ein Aufkleber von Martin Sonneborns Die Partei. Das fasst auch meine Stimmung und Haltung gut zusammen. Es gibt zweifelsohne Schöneres als sich ausgerechnet der AfD zu widmen, und trotzdem sollte die von vielen VertreterInnen dieser Partei verlautbarte Menschenverachtung nicht unwidersprochen bleiben. So denke ich zumindest an jenem Sonntag, und jener Gedanke ist auch Antrieb, auf die Straße zu gehen, auf der sich rund 2000 DemonstrantInnen versammeln. Dass es sinnvoll sein kann, bestimmte politische Entwicklungen und die Menschen dahinter näher unter die Lupe zu nehmen, anstatt sich schicksalsergeben in Verantwortungsarmut zu flüchten, dafür gibt es respektable Fürsprecher wie Norbert Elias.
Eines der bewegendsten menschlichen Signale an diesem Sonntag sendet ein Zeuge des Nagelbombenanschlags auf der Keupstraße im Jahr 2004, der auf dem Platz vor der Post in Kalk eine Rede hält. Der Mann schildert den Horror des Attentats, vor allem jedoch den Horror der Angehörigen der Opfer sowie der Anwohner der Keupstraße in den folgenden Jahren, die zusätzlich zu Traumatisierungen in Folge des Anschlags seitens einiger Behörden wie Verdächtige behandelt wurden, während ein Verbrechen durch Neonazis lange Zeit praktisch ausgeschlossen schien. Seine Rede hätte es verdient, von vielen gehört zu werden, nicht zuletzt von jenen, die Menschen voreilig in Schubladen stecken, sowie Vorurteile und Ängste schüren. In den Medien, die ich in den folgenden Tagen lese, höre und sehe, wird sein Werben um Solidarität und ein friedliches Miteinander mit keiner Silbe Erwähnung finden.


"Gegen Hass" - "Ganz Köln hasst die AfD"

Das liegt wohl einerseits an der Provokation, die bereits durch die Wahl der Veranstaltungsorte - im "Multikulti-Stadtteil" Kalk sowie im Rautenstrauch-Joest-Museum - ins vermeintlich bunte Herz des Selbstverständnisses vieler KölnerInnen trifft. Andererseits an jenen, die sich provozieren lassen wollen, um eine Protest(un)kultur auf die Straße zu bringen, welche die Vergegnungen (frei nach Martin Buber) der meisten Anwesenden nur befeuert.
Im Demonstrationszug ist allerhand Unfug zu vernehmen. Während vereinzelt Schilder "gegen Hass" in die Höhe gehalten werden, brüllen viele - allerdings auch nicht alle: "Ganz Köln hasst die AfD!" Der Widerspruch zu den eigenen Schildern fällt den Meisten entweder nicht auf, oder sie wähnen sich - im Kampf um die Sache oder sogar um das Ganze - über solche Unstimmigkeiten erhaben. Im Deutschlandfunk wird jene Geistlosigkeit authentisch dargestellt und kritisch hinterfragt.
Doch es gibt auch Lichtblicke: Eine Handvoll "bunte Funken gegen braune Halunken" begegnet der AfD und ihren SympathisantInnen auf typisch kölsche Weise, wartet mit eigens dazu neu arrangiertem karnevalistischen Liedgut auf, und zeichnet ein lebensfrohes Bild einer bunten Stadt als Gegenentwurf zu den Horror-Visionen der Menschen, die heute im Bürgerhaus tagen und angeblich zum "Dialog" einladen wollen. Stichwort Dialog: Vor dem Eingang zum Bürgerhaus sind u.a. Guido Reil und Roger Beckamp zu sehen, die beide fleißig Videos auf Youtube veröffentlichen und in den so genannten "sozialen Medien" verbreiten - ihre persönliche "Alternative" zum Angebot der vermeintlichen "Lügen-" oder "Lückenpresse", wie es im AfD-Jargon oft genug heißt.
Roger Beckamp, 43-jähriger Jurist aus Köln und Landtagsabgeordneter der AfD, taucht anscheinend gerne auf Gegendemonstrationen und ähnlichen Veranstaltungen auf, um dort als "eingebildeter Journalist" - das heißt im Klartext: als ein voreingenommen-parteilicher Berichterstatter - vor allem solche politischen GegnerInnen vor Kamera und Mikrophon zu bekommen, die er in seinen entsprechend editierten Videos so vorführen kann, dass selbst Gehirnamputierte verstehen: Wer sich der AfD entgegenstellt, ist inhaltlich nicht ernstzunehmen - und hat auch kaum mehr als Krawall zu bieten. Die Vielzahl von diese Wahrnehmung insinuierenden Videos auf seinem Kanal legt nicht nur den Verdacht nahe, dass es dem Juristen weder um Vermittlung noch um lösungsorientierte Diskussionen geht, und dokumentiert außerdem - keineswegs humorfreie - Ansätze der in der Dynamischen Psychologie als "Busting" bekannte Rede-Technik, mit der GegnerInnen kommunikativ von vorneherein in die Ecke gedrängt werden. Journalistische Grundsätze werden also weitgehend außer Acht gelassen, wie Beckamp dieser Tage zwischen den Zeilen im Gespräch im WDR selbst andeutete. Vor rund einem halben Jahr bezeichnete er sein Tun noch damit, er sei "pressemäßig unterwegs" - solche sprachliche Ungeschliffenheit vermeidet er mittlerweile. Für seine Zwecke offenbar effektiv, für distanzierte BeobachterInnen wohl eher grotesk, gerät Beckamps wiederholt inszenierte Deutung im Sinne von "ich möchte gerne mit euch reden, aber ihr lasst einen Diskurs ja gar nicht zu". Damit hat er zwar noch nicht mal ganz Unrecht, und trotzdem darf einem halbwegs gebildeten Juristen und Politiker mehr Verständnis von diesen Zusammenhängen unterstellt werden, als seine gespielte Blauäugigkeit und Unschuld. Erstens gibt es kein Recht, welches besagt, dass auf der Straße spontan angesprochene Demonstrations-TeilnehmerInnen ihrem erklärten politischen Gegner Auskunft geben müssen, und zweitens würde ja auch niemand ernsthaft davon ausgehen, dass die Bevölkerung am Dortmunder Borsigplatz freundlich auf einen Möchtegern-Reporter reagiert, der im Schalke-Trikot auftaucht und sie offensichtlich provozieren und bloßstellen möchte. Insofern dienen Beckamps vermeintlich dokumentatorische Clips dem Gegenteil einer neugierigen und offenherzigen Diskussion, nämlich vor allem dem eigenen Narrativ, dem Festzurren der eigenen Scheuklappen und der Verhärtung von Vorurteilen getreu dem Motto: Schaut her, der politische Gegner hat außer Geschrei und Radau nichts zu bieten. Solcherlei Reaktionen auf seine "Einladungen zum Dialog" sind also selbsterklärend, weil provoziert.


Mehr aufs Herz als auf Hirn setzt der gelernte Bergmann und ehemalige langjährige SPDler Guido Reil, der in einigen seiner Youtube-Clips dokumentiert, wie er in seiner Heimatstadt Essen obdachlosen Menschen hilft - und so beweisen möchte, dass es in der AfD auch anständige Kerle gibt, die das Herz am - nun ja - "rechten Fleck" haben.
Frei nach dem Motto "jeder blamiert sich, so gut er kann" wagt sich der AfD-Kandidat für die Europawahl im Lauf der folgenden Woche in die Sendung von Markus Lanz - und trifft dort Aussagen auf, d.h. genauer gesagt: unter einem (wohl auch für die eigene Parteiführung erträglichen) Niveau, sodass unversehens die Frage im Raum steht, ob es sich um die heute show handelt. Nicht jedoch Gernot Hassknecht, sondern SPD-Hoffnungsträger Kevin Kühnert trifft die Zusammenfassung, respektive -faltung des auf Kumpelkurs schlingernden Bergmanns: "Mit Blaumann-Rhetorik daherzukommen, macht noch keine Politik für Arbeiter. (...) Sie sind das Feigenblatt für eine Partei, die von neoliberalen Wirtschaftsprofessoren gegründet wurde und jetzt angeführt wird. Dafür werden sie instrumentalisiert und jetzt mit einem Sitz im EU-Parlament belohnt." Im Vergleich dazu zieht sich Roger Beckamp im Gespräch mit dem WDR in derselben Woche unaufgeregt aus der Affäre und trifft Zu- und Eingeständnisse, die in dieser Form eher selten zu hören oder zu lesen sind. Hut ab vor der Radio-Moderatorin für dieses sachliche und kritische Interview!
Den beiden Politikern vor Ort im Bürgerhaus zuzuhören - was z.B. frei nach Erich Fromm eine eigene Kunst ist - oder ihnen gar Fragen zu stellen, wird mir am heutigen Sonntagnachmittag nicht mehr möglich sein: "Ganz Köln hasst die AfD! Ganz Köln..."


Abwärts auf der Eskalationsspirale

Mich verwundert, dass sich die meisten Anwesenden bei aller - freudigen? nervösen? noch zu langweiligen? - Aufregung keine Zeit nehmen, um zu schauen, wem sie da ihre Parolen entgegenschmettern, während sie den Zugang zum Bürgerhaus blockieren: Abgesehen davon, dass es vergleichsweise wenige Menschen sind, die zur AfD-Veranstaltung wollen (und sich trauen, den Weg anzutreten), so machen sie auf mich keinen Eindruck, der mir Angst einjagt - sondern eher spontan mein Mitleid hervorruft. Es sind vor allem ältere Menschen bzw. Menschen, die etwas Altes und Trauriges ausstrahlen, und zwar traurig eher im Sinne von depressiv - "früher war alles besser, die guten Tage sind für immer vorbei" - als von melancholisch. Niemand von denen, die ich sehe, macht auf mich den Eindruck, mit ungezügelter Tatkraft weit über den eigenen Horizont hinausreichende Ziele in Angriff nehmen zu können - ganz im Gegensatz zu den zahlreichen jungen und jung gebliebenen Menschen, die mir bei "Fridays for Future" begegnen. Bei manchen der verloren wirkenden Gestalten schwingt Trotz gegenüber den DemonstrantInnen mit, und wer mit Unterstützung der Polizei durch die Reihen derselben geschleust wird, kann sich hier und heute absolut nachvollziehbar als David im Kampf gegen Goliath empfinden. Mag eine solche Erfahrung für prinzipiell eher depressiv verstimmte Menschen mit Hang zum negativ fokussierten bis apokalyptischen Denken, wie es in der AfD von vielen gepflegt wird, vielleicht sogar etwas Aufbauendes haben?
Für solche Wahrnehmungen von Menschen "auf der anderen Seite des Zaunes", empathische Überlegungen oder Fragen bleibt im Demo-Getümmel jedoch zunehmend weniger Raum. Dabei sollte gerade erklärten VerteidigerInnen der Demokratie auf allen Seiten klar sein, dass es sich bei uns allen letztlich selbst bei großer gegenseitiger Antipathie* in erster Linie um Menschen handelt...
Vor dem Bürgerhaus Kalk etabliert sich nach meiner - wie sich noch herausstellen soll: ziemlich falschen - Wahrnehmung eine Art allseits halbwegs tolerierter modus operandi, quasi eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen Polizei und DemonstrantInnen: AfD-Mitglieder und SympathisantInnen werden lautstark unfreundlich begrüßt, und ja: das schließt Beschimpfungen unterhalb der Gürtellinie ein, dann von der Polizei einigermaßen rumpelig, d.h. mit gegenseitigem Geschubse, durch die DemonstrantInnen zum Bürgerhaus eskortiert, anschließend wird den PolizistInnen der Rückweg vergleichsweise freundlich freigemacht. Das alles ist nicht schön, doch es funktioniert immerhin irgendwie, ohne dass Menschen zu physischem Schaden kommen. Warum konkret dieses Prozedere ins Gewalttätige kippt, erschließt sich mir nicht in letzter Konsequenz, doch ab einem bestimmten Punkt treten einige (nicht alle) Polizisten (ja, es sind meiner Wahrnehmung nach vor allem Männer) mit einer Härte auf, die ich kaum anders als übertrieben bezeichnen kann. Wenn vergleichsweise hünenhafte Kerle mit Schutzausrüstung vergleichsweise zierliche Frauen nicht nur zur Seite schubsen, sondern ihnen mit Handschuhen grob ins Gesicht greifen, sie niederdrücken und schlagen, dann ist das unverhältnismäßig. Punkt. Ähnlich unverhältnismäßig wie der Einsatz von Pfefferspray, das mich überraschend trifft und von einer auf die andere Sekunde nichts mehr sehen lässt. Volltreffer. Danke an all jene Hilfsbereiten, die mir beim Auge-Ausspülen geholfen haben.
So geht für mich dieser Demo-Tag plötzlich zuende. Die wiederholten Beschwichtigungen seitens eines unzweifelhaft nicht aggressiven, sondern fröhlich auftretenden "Bunten Funken" (wenn ich mich nicht irre, erwähnte er, dass er Mitglied im Stadtrat sei, doch ich bin mir nicht ganz sicher), die umgedichteten Karnevals-Lieder und der kreativ-bunte Protest einiger BürgerInnen geht in einer Dramaturgie unter, deren niveauloses Drehbuch längst geschrieben scheint, und auf dessen sensationelle Szenen einige nur gewartet zu haben scheinen: Mit einem Mal richten sich mehrere Kamera-Objektive auf ebenfalls vom Pfefferspray getroffene Menschen, die sich neben mir die Augen ausspülen. Einige DemonstrantInnen stellen sich dazwischen, und meine Laune ist natürlich im Keller, als ich kurz darauf einige der Beamten anraunze, dass dieses Vorgehen doch nicht ihr Ernst sein könne. Doch da bin ich längst selbst närrischer Darsteller in einer Inszenierung, die vor allem eines ist: Für viele der Beteiligten mehr oder weniger beschämend, und ja, da rechne ich mich mit meiner Unbeholfenheit dazu.


Was sonst noch geschah... und wovon nicht die Rede ist

Gleichwohl sei angemerkt, dass es Menschen gibt, die ruhigen Protest formulieren und Haltung zeigen, ohne Gewalt zu fördern oder zu leisten. Leider, leider, leider wird von diesen Menschen in den folgenden Tagen meiner Wahrnehmung nach nirgendwo (!) die Rede sein. Stattdessen übertreffen sich fast alle Seiten mit Horrormeldungen, Vorwürfen oder ziemlich einseitig verkürzten Darstellungen. So muss ich lachen, als ich den Bericht der Polizei Köln lese, die allen Ernstes schreibt, dass sie Pfefferspray einsetzte, um ein Durchbrechen von DemonstrantInnen an den Polizeiabsperrungen zu verhindern. Das mag zwar auch stimmen - doch nicht in dieser Ausschließlichkeit. Erstens wäre ich auf die Idee, eine solche Absperrung zu überwinden, nicht ernsthaft gekommen, und zweitens gab es selbst während der Demonstration und der Blockade vor dem Bürgerhaus durchaus die Möglichkeit, friedlich an die Absperrung zu gehen - und dort sogar mit Menschen dies- und jenseits derselben zu sprechen. Wobei einige PolizistInnen Humor und Gelassenheit bewiesen, die für solche Einsätze sicher sehr hilfreich sind. Doch auch für solche Wahrnehmungen bleibt in den folgen Tagen kein Raum, sondern von beiden Seiten wird in den je eigenen Netzwerken und Kanälen auf die BeamtInnen medial eingeknüppelt - ein Teufelskreis, in dem professionelles polizeiliches Handeln in Stress-Situationen ein frommer Wunsch bleibt?
Während viele Medien die Pressemeldung der Polizei unhinterfragt aufgreifen, berichtet die Kölnische Rundschau in ihrer Druckausgabe vom 08. April 2019: "Mit Tränengas ging die Polizei gegen Demonstranten vor, die versuchten, Besucher der Auftaktveranstaltung daran zu hindern, das Bürgerhaus zu erreichen." Das trifft es schon besser, wobei es sich beim Tränengas um Pfefferspray handelte. Letztlich liegt jedoch der Schwerpunkt der Berichterstattung zu gefühlt 99% auf den Punkten, für die sich erwachsene Menschen im Grunde schämen sollten. Größere Zusammenhänge und bemerkenswerte Botschaften fallen, wie bereits beschrieben, unter den Tisch.
Von der nach Zeugenaussagen absichtsvollen Attacke eines Autofahrers, der mit seinem Wagen in eine Gruppe von DemonstrantInnen fährt und einen Mann dabei verletzt, erfahre ich erst später aus den Medien, durch die sofort der Name Charlottesville geistert. Unabhängig von der Frage, ob solch eine Überhöhung angemessen und hilfreich ist, wäre es dringend an der Zeit, jegliche Gewalt gegen Menschen - auch gegen AfD-PolitikerInnen und -SympathisantInnen - als das zu verurteilen, was sie ist: Ein Ausdruck von Respektlosigkeit und Entfremdung, die kein Mensch verdient hat.

* Ich bin mir nicht sicher, inwiefern "Antipathie" den Nagel auf den Kopf trifft, und ich frage mich, inwiefern Roger Beckamp nicht sogar Recht hat mit seiner Feststellung, dass die meisten DemonstrantInnen mit ihrem Auftreten der AfD letztlich helfen.



Samstag, 13. April 2019 - Und wieder grüßt... das Misstrauen

Sechs Tage nachdem respektable Formen bürgerlicher Streitkultur in Kalk verloren gingen, Dialoge nicht möglich waren und fast alle auf die lautstarke Verkündung ihrer Narrative und Parolen pochten, lädt die AfD am folgenden Samstag erneut zum "Bürgerdialog" ein, dieses Mal an einem Ort der Bildung im weitesten und meines Erachtens nach auch besten Sinne. Erfreulich: Das Rautenstrauch-Joest-Museum, in dem ich bereits einige Ausstellungen besucht habe, zeigt Flagge, und zwar groß und unmissverständlich: "Mir all sin Minsche / Köln und RJM sind BUNT / Sei bunt mit UNS" prangt unübersehbar in weißer Schrift auf einem großen rosa Banner vor dem Gebäude. Zudem veröffentlicht das Museum eine Stellungnahme aus aktuellem Anlass:

"Wir widmen uns Fragen des Zusammenlebens in einer globalen, sich permanent wandelnden Welt. Unsere an gesellschaftlich relevanten Themen orientierten Ausstellungen und Veranstaltungen sollen Einblicke in die kulturelle Diversität der Welt sowie der Stadt Köln ermöglichen und dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede von Lebensentwürfen aufzeigen. Damit möchten wir die Besucher*innen dazu anregen, eigene Standpunkte zu hinterfragen.
Wir möchten aktiv die Vielfalt in unserer Gesellschaft fördern. Wir möchten Raum schaffen für Begegnung und Dialog auf Augenhöhe zwischen Menschen mit verschiedenen kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen. Wir setzen uns ein für Offenheit, Verständnis und gegenseitige Wertschätzung – auf globaler Ebene wie auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Es ist unsere Aufgabe, uns als Museum mit Kolonialgeschichte, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie oder Homophobie auseinanderzusetzen und zu versuchen, aktiv Vorurteile zu dekonstruieren und zu bekämpfen.
„Wir stehen für eine multikulturelle Gesellschaft, für Offenheit und Respekt. Mein großer Wunsch ist es, dass unser kölnisches Haus ein lebendiger, diverser Ort ist, ein Forum für Vielfalt und Begegnungen. Unser Haus ist frei von Hetze oder fremdfeindlichem Gedankengut. Das wollen wir bleiben und immer wieder bestärken. Wir möchten immer mehr Brücken bauen – lokal und global – und in Zukunft stärker Themen wie Rassismus, Rechtsradikalismus oder Islamophobie angehen“, wünscht sich Nanette Snoep, die neue Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt." (1)

Damit reagiert Frau Snoep souveräner als es den Hauptverantwortlichen in der VHS Köln offenbar möglich ist bzw. scheint, denn die Leitung der Bildungseinrichtung tut sich offenbar schwer damit, ähnlich klar Stellung zu beziehen. An ihrer Stelle machen das rund 60 an der VHS Lehrende, die einen krassen Widerspruch zwischen den Werten und Angeboten ihrer Einrichtung und den ideologischen Impulsen der unerwünschten Gäste in ihren Räumlichkeiten erkennen:

"Als Dozierende der Volkshochschule arbeiten wir jeden Tag für das Gelingen von Integration, für eine demokratische und weltoffene Gesellschaft. Mit diesem Verständnis ist es nicht vereinbar, einer Partei ein Forum zu bieten, deren Ziele vor allem darin bestehen, Bürgerinnen und Bürger zu desinformieren und Stimmung gegen Mitglieder der Stadtgesellschaft zu machen, die dem in Teilen „völkischen“ Selbstverständnis der AfD nicht entsprechen. Es sind Organisationen wie die AfD, die mit der Verharmlosung des NS-Regimes und der Hetze gegen Flüchtlinge und Zugewanderte die Grundlage dafür gelegt haben, dass in Deutschland Asylunterkünfte angezündet werden." (2)

Von Hundertschaften der Polizei ang und aufmerksam bewacht, komme ich auf dem Platz vor dem Museum mit einem jener Dozenten ins Gespräch, während wir uns in zuweilen ziemlich angespannter Atmosphäre die Beine in den Bauch stehen. Auch heute möchten einige hundert Menschen an der AfD-Veranstaltung teilnehmen, die meisten mit Konfetti. Doch es sind auch Stimmen von Menschen zu vernehmen, die mit ernsten Anliegen und Fragen gekommen sind, und die sich ärgern, bei der heutigen Einlasspraxis - gefühlt fünf Personen pro Viertelstunde - nicht weit zu kommen. Um uns herum giften sich immer wieder verschiedene Wartende an und bringen ein Misstrauen zum Ausdruck, das mich bestürzt. Auf meine Frage, ob es die Partei dort drinnen schon so weit gebracht hätte, dass sich andere Menschen so arg misstrauen und anraunzen müssten, herrscht einige Sekunden beredtes Schweigen. Der VHS-Dozent holt aus seiner Jackentasche obiges Statement hervor, doch hier und jetzt herrscht bei den meisten ebenso wenig Interesse daran wie an konstruktivem Dialog überhaupt, was ich einmal mehr schade finde. Inhaltlich fühle ich mich den klaren Worten seiner KollegInnen viel näher als den einfältigen Parolen und der Rüpelei um mich herum. Es ist frustrierend, ausgerechnet an diesem Ort, der Menschen aus aller Welt zu Streifzügen durch die Geschichte sowie zu vielfältigen Bildungsveranstaltungen begrüßt, solche Sprachlosigkeit zu erleben.
Als einer der Polizisten am Einlass schließlich erklärt, dass bis auf Weiteres niemand mehr in das Museum gelassen wird, weil der Veranstaltungsraum voll ist, mache ich mich erleichtert, diese einmal mehr weitgehend würdelose Inszenierung hinter mir lassen zu können, auf den Heimweg. Als ich über die Deutzer Brücke radele, überantworte ich dem Rhein meinen Grimm gegenüber dem Spuk, auf dass er ihn in seinem steten Strom fortträgt. Der Fluss tritt heute trotz Klimaerwärmung noch nicht über die Ufer, und die Menschen in Köln machen das, was sie sonst auch an einem kalten Samstagabend im Frühjahr machen. In Kalk angekommen, herrscht auf den Straßen und im Supermarkt das übliche Neben- und Miteinander der vielen Menschen, die ganz ungezwungen beweisen, dass "Multikulti" in der vielgestaltigen Praxis dieses an Abgründen nicht armen Stadtteils weder das Paradies auf Erden, noch den Untergang des Abendlands bedeutet. Irgendwie war das vorherzusehen, und ist dennoch beruhigend.


Fazit:

Rückblickend fällt es angesichts der nahezu allseitigen Vergegnung schwer, aus den Erlebnissen an beiden Tagen positive Aspekte herauszufiltern. Eine Vielzahl der Akteure auf beiden Seiten offenbart völlige Unfähigkeit oder Unwillen zur respektvollen Diskussion, sowie zur Differenzierung. Was für einen selbst gelten soll, gilt erstaunlicherweise für die Gegenseite nicht: Angefangen beim Recht auf freie Meinungsäußerung, bis zum grundsätzlichen Respekt vor dem Menschen(leben) an sich. Ein ums andere Mal kommen mir Szenen aus Monty Pythons "Das Leben des Brian" in den Sinn, die solcherlei soziale Praktiken der Überhöhung der eigenen Gruppe bei gleichzeitiger Verachtung der Anderen augenzwinkernd karikieren. Humorvolle Distanz und die Fähigkeit zur Selbstkritik könnten auch heutzutage kaum schaden. Dass sich viele dem Alter nach erwachsene Menschen so phantasielos an die vermeintlich festgeschriebenen Regeln von Eskalationsspiralen halten und in ihren Handlungsmöglichkeiten selbst so stark einschränken, dass es zu wenig mehr als Feindseligkeit und Gewalt reicht, wirft mehr Fragen auf, als in den meisten sich eindeutig positionierenden Medien zu lesen sind.
Doch es gibt ermutigende Momente und Begegnungen, allerdings sind sie zahlenmäßig überschaubar, und weisen vor allem deutlich über die jeweiligen geistlosen Inszenierungen hinaus. Im Nachhinein scheint mir die Idee, mich in die besuchten Demonstrationen mehr oder weniger einzureihen, ebenso naiv wie absurd, und die Vorstellung, beim nächsten Mal auf dem Balkon zu verweilen, verheißt auf jeden Fall weniger Ungemach. Das bedeutet ja keineswegs, dass sich nicht an vielen anderen Stellen erheblich mehr bewegen ließe als bei den Betonköpfen.
Mut machen mir in dieser Hinsicht vor allem die zahlreichen jungen und die sie ermutigenden und begleitenden Menschen anderer Generationen, die wesentlich vielfältigere und differenzierte Ideen für zukünftiges Leben in unserer Gesellschaft einbringen, als ihnen gemeinhin, und insbesondere von vielen "Neuen" (= alten, denn alt ist, wer die Neugier verliert) Rechten unterstellt wird. Als ich kürzlich einer Fridays-for-Future-Versammlung vor dem Kölner Hauptbahnhof beiwohnte, war dort neben den bekannten Slogans manch mich überraschender Vorschlag zu vernehmen bzw. zu lesen, von denen einige meine spontane Zustimmung fanden, wie z.B. Unterricht in Religionsgeschichte (statt herkömmlichem Religions-Unterricht) und Ethik-Unterricht für alle SchülerInnen. Natürlich (?) sind das nur Randnotizen, die in den meisten Medien unter den Tisch fallen. Es lohnt sich also oft doch, selbst hinzugehen und sich ein Bild zu machen.
Als mit Kindern arbeitender Neu-Kölner mache ich es mir seit kurzem zur Angewohnheit - manchmal laut, manchmal leise - zu überlegen, was "die Maus" (aus der Sendung mit der Maus) wohl in dieser oder jener Situation machen würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie von weiteren Besuchen voraussichtlich ähnlich scheiternder Veranstaltungen abraten würde, und viele echte Alternativen parat hätte, welche die Lebensfreude beflügeln. Hoffentlich werde ich mich daran erinnern.
Am Morgen nach der AfD-Verunstaltung im Rautenstrauch-Joest-Museum radle ich jedenfalls ins Grüne, und im Nu hebt sich dort die noch etwas eisige Laune vom Vorabend. Vor den Toren der Stadt webt und blüht das Leben nach kalten Tagen auf sanfte kräftige Weise. Es wird wärmer.

Notiert im April 2019.


Quellen:

1) https://www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joest-museum/ (eingesehen am 25.04.2019)
2) http://gegenrechts.koeln/2019/lehrkraefte-der-vhs-koeln-protestieren-gegen-veranstaltung-der-afd-am-samstag/ (eingesehen am 25.04.2019)

Bei allem Spuk ein bereichernder Anblick in unmittelbarer Nachbarschaft zur VHS: die Fassade von St. Cäcilien.

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