Was weiße Menschen... - Thorheiten

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...nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten


An dem Echo auf das Buch von Alice Hasters in Form von Diskussionen und - wohl leider unvermeidlich - so genannten „Shitstorms“ gibt es kaum ein Vorbeikommen. Angesichts dieses Rummels hatte ich mich zunächst entschieden, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ links liegen zu lassen. Doch dann nahm ich an einer Fortbildung zum Thema Rassismus teil, und was ich dort zu hören bekam, weckte neben einigem Unbehagen gleichfalls meine Neugier. Also erwarb ich die Streitschrift im örtlichen Buchhandel - support your local dealer! [Klick] - und staunte auf dem Nachhauseweg nicht schlecht, als ich gleich zu Beginn der Lektüre auf Unvermutetes, nämlich Gemeinsames stieß.

Alice Hasters war lange dort zuhause, wo ich nun seit wenigen Jahren arbeite: In Köln-Nippes. 1989 in der Domstadt am Rhein geboren, wuchs sie in dem bekannten Veedel auf. Ihre Mutter stammt aus Philadelphia, ihr Vater aus Düsseldorf. Im Rückblick auf ihre Kindheit schreibt sie: „Damals war ich davon überzeugt, dass es nirgendwo in Deutschland noch eine Familie wie unsere geben könnte: Schwarze Mutter, weißer Vater, drei Schwarze Töchter.“ Dass das irgendwie ungewöhnlich (für sie selbst zu jener Zeit sogar einzigartig) war, nahm sie also bereits früh wahr.
Ihre Beschreibung von Nippes wirkt auf mich stimmig - vorausgesetzt, ich darf mir eine solche Bewertung als aus dem Sauerland zugereister Neu-Kölner erlauben. Köln ist eine Stadt, die von vielen ihrer Bürger*innen als bunt und weltoffen bezeichnet wird - eine manchmal liebenswerte, manchmal grotesk einseitige - nicht um zu sagen: zahlreiche Herausforderungen ignorierende - Selbstwahrnehmung. Nicht nur in Nippes, wo ich bereits nach kurzer Zeit Menschen kennenlernte, deren Lokalpatriotismus mich verblüffte, machte die Autorin Erfahrungen, die unbehaglich oder zuweilen schlimmer waren: Menschen, die ihr ungefragt in die Haare fassten. Restaurantgäste, die ihr nicht nur das Gefühl vermittelten, fremd zu sein und eigentlich nicht nach Köln (Deutschland, Europa) zu gehören, sondern sie zum Objekt degradierten, an dem sich die eigene vermeintliche Höherwertigkeit vergewissern ließ. Hasters‘ Berichte über diese Vergegnungen sind im Kontext ihres Buches unabdingbar, um verstehen zu lernen, wie sie alltäglichen Rassismus definiert und warum sie bei dessen Wahrnehmung - nachvollziehbar - besonders sensibel ist.

Der Wunsch nach „Normalität“

Wenn sie sich in Deutschland bewegt und z.B. in einen Bus einsteigt, dann werde sie von Anderen als erstes als Trägerin ihrer Hautfarbe wahrgenommen, so die Autorin. Die Blicke der Anderen seien meistens weder krass feindselig, noch überaus freundlich, sondern Blicke, die sie vor allem schnell als „nicht weiß“ oder als „Schwarz“ (so Hasters‘ Schreibweise) identifizierten - und somit als nicht normal. Doch genau so wünscht sich Alice Hasters wahrgenommen zu werden: Als normal, denn das befreie sie von einer Last. Diese Erfahrung machte sie erstmals bewusst als Teenagerin, als sie in Nordamerika weilte: „Im Bus in den USA war ich auf einmal die Norm. Ich konnte erstmals ausschließen, dass mich Menschen vorrangig wegen meiner Hautfarbe wahrnahmen. Ich war nicht ‚die Schwarze‘, ich war höchstens ‚die mit dem blauen Pullover‘ oder ‚die mit den offenen Haaren‘. Das empfand ich als unglaublich angenehm. Ich war überrascht, wie unglaublich anders sich das anfühlte, das Nicht-Auffallen. Es war, als ob mir eine Last abgenommen wurde, derer ich mir nicht bewusst gewesen war.“

„Rassismus steckt überall in unserer Gesellschaft.“

Alice Hasters‘ Verständnis von Rassismus ist auf den ersten Blick ein umfassendes, vielleicht sogar ein nahezu allumfassendes. In Zusammenhängen, die vielen Menschen bis vor kurzem vergleichsweise unverdächtig erschienen, ist für die Autorin viel zu oft Rassismus erkennbar – allerdings andere Formen von Rassismus als jener, gegen den die Meisten eilfertig Haltung zeigen. „Hier liegt ein Missverständnis vor“, ist sich Hasters sicher, denn „nicht nur Nazis sind rassistisch, und man muss Rassismus nicht erst bekämpfen, wenn er in radikaler Form auftritt. Rassismus beginnt schon viel früher.“
Diesen früh beginnenden, quasi alltäglichen Rassismus nennt die Autorin „Alltagsrassismus“: „Wenn ich von Rassismus spreche, dann meine ich diesen wirkungsvollen, systemischen Rassismus, der die Fähigkeit hat, Menschen zu unterdrücken. Dieser Rassismus steckt überall.“ Und weiter: „Rassismus steckt überall in unserer Gesellschaft. Es ist das Märchen über angeborene Eigenschaften, die Annahme, dass wir von Natur aus verschieden seien.“
Alice Hasters zufolge ignorieren wir die Geschichte des Rassismus, was wiederum dazu führt, dass diese Geschichte – unwidersprochen oder viel zu wenig widersprochen – weiterwirkt. Diese Ignoranz spiegele sich zum Beispiel in der Schule in einem Lehrplan, „der von einem weißen deutschen Standard ausgeht. Alles, was davon abweicht, wird ignoriert.“ Es sind solche verallgemeinernden Aussagen, mit denen sich die Autorin zuweilen selbst im Wege steht, um auf ihr zweifelsohne wichtiges Anliegen aufmerksam zu machen, ohne gleich interessierte Leser auf Abstand zu stoßen. Ein näherer Blick in aktuelle Schulbücher könnte sie nämlich eines Besseren belehren. Verbrechen an Teilen der afrikanischen Bevölkerung während der Kolonialzeit wie der Völkermord an den Herero und Nama 1904 bis 1908 in Namibia gehören derweil zum Bestandteil von Geschichts-Lehrplänen. Doch in der Schule sei der Fokus so stark auf Hitler und den Holocaust gerichtet, dass andere Themen und Aspekte von rassistischer Unterdrückung einfach unter den Tisch fielen, so die Autorin.


Wer beim Lesen dieses Kapitels ausrufen möchte „aber das ist doch alles wirklich längst vorbei!“, dem macht Hasters sofort einen Strich durch die Rechnung: „Die Ausbeutung läuft weiter, in Form von unfairen Handelsabkommen und Unternehmen, die unmenschliche Arbeitsbedingungen dulden. Auch die Sklaverei hat nie aufgehört. Sie ist sogar größer denn je. Der Global Slavery Index hat berechnet, dass es heute mehr Sklav*innen gibt als zu Zeiten, in denen Menschenhandel noch legal war. (…) Das Gerede über ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘, die sich am Reichtum Europas bedienen wollen, ist in Anbetracht der Vergangenheit einfach nur lächerlich.“
Im Hinblick auf den Holocaust stimme ich Alice Hasters zu: Auch mir drängt sich gelegentlich der Eindruck auf, dass der Holocaust zwar einerseits ausführlich - nicht um zu sagen: in nahezu enervierenden Wiederholungen - behandelt wird, doch dass diese Form der „Aufarbeitung“ leider oft mit einem Verständnis frei nach dem Motto einhergeht „das war damals [im Nationalsozialismus] so, heute könnte uns das natürlich nicht mehr passieren“. Dass der Nationalsozialismus mitsamt seiner mörderischen Menschenverachtung ziemlich anschlussfähig an allerhand - auch wissenschaftliche - Ideen und Strömungen war, wird leider in der Tat noch zu oft übersehen. Dass die Perspektive von Schwarzen Menschen in heutigen Schulmaterialien - und vielen anderen Lebensbereichen - übersehen wird, erlebe ich anders.

Weiße Menschen werden niemals Opfer von Rassismus

Mit ihrer vehement vorgetragenen Einstellung unterscheidet – und trennt - Hasters auch selbst zwischen „weiß“ und „Schwarz“, mit denen sie keine Farbtöne, sondern Identitäten bezeichnet. Menschen, die in ihrer Identität „weiß“ sind, gelten bei Hasters als grundsätzlich privilegiert und können „niemals Opfer von Rassismus“ werden. Spätestens hier werden in ihrer Argumentation riesige blinde Flecken deutlich. Natürlich ist es Unsinn, „weiß“ automatisch mit „privilegiert“ gleichzusetzen. Um in der Heimatstadt der Autorin zu bleiben, dürfte es deutliche Unterschiede in punkto Privilegien zahlreicher „weißer“ Menschen in Lindenthal oder Sülz und wiederum anderer „weißer“ Menschen in Chorweiler oder Mülheim geben (wobei auch hier Verallgemeinerungen mit Vorsicht getroffen werden sollten). Und selbst in Nippes gibt es derweil sicher nicht wenige „weiße“ Menschen, die sich je nach Wohnlage nicht sonderlich privilegiert fühlen, während im Veedel Wohnsiedlungen entstehen, in denen die monatliche Miete mindestens ein durchschnittliches Monatsgehalt verschlingt. Ganz zu schweigen von den Tausenden obdachlosen Menschen in Köln, unter denen sich nicht zuletzt auch „weiße“ befinden, die sicher vieles sind, zum Beispiel im besonderen Maße von Gewalt bedroht - aber keinesfalls privilegiert. Angesichts der Tatsache, dass diese Realitäten von der gebürtigen Kölnerin kaum unbemerkt bleiben können, überrascht ihre Schwarz-weiß-Einteilung nicht nur, sondern sie irritiert - und dürfte auch eine Reihe von Menschen verärgern.

Erfahrungen von Schwarzen Menschen: Für weiße Menschen nicht nachvollziehbar

Die Wahrnehmungen der Autorin werfen bei mir die Frage auf, wann und wo sie noch halbwegs unbefangen beobachten und reflektieren kann, und ob sie nicht häufig das bemerkt, was sie - als selbst erfüllende Prophezeiung - zu bemerken fürchtet: Die (fast) totale Chancenlosigkeit von unterprivilegierten Schwarzen Menschen gegenüber privilegierten weißen Menschen. Die Unmöglichkeit von weißen Menschen, auch nur ansatzweise nachzuempfinden, wie es Schwarzen Menschen in der weißen Mehrheitsgesellschaft ergeht. Stellenweise habe ich mich beim Lesen gefragt, warum Alice Hasters anderen Menschen zwischen Schwarz und weiß so wenig ambivalente Erfahrungen - quasi im Graubereich - überhaupt zutraut. Ich finde es schade, wenn sie einer bestimmten Gruppe anderer Menschen von vorneherein die Möglichkeit abspricht, ansatzweise vergleichbare Erfahrungen zu machen. Zum Beispiel habe ich als junger weißer Mann einst in einer Abteilung einer Firma gearbeitet, in der ich von 30 Kollegen der einzige Deutsche war. Es war eine spannende und nicht nur einfache Zeit, in der ich vieles über Vorurteile, Privilegien, Mobbing u.ä. gelernt habe. Hasters zufolge ließe sich eine solche Erfahrung für einen Diskurs über Alltagsrassismus nicht nutzen - das sehe ich ganz anders, und hier werfe ich der Autorin blinde Flecken im Hinblick auf die uneindeutige Gegenwart vor.

Als weißer Mensch hast du eine gewisse Leichtigkeit.

Beinahe grotesk mutet das Kapitel mit dem von Hasters‘ imaginiertem Gespräch mit einem „weißen“ Liebes- und Lebensabschnittspartner an, den sie über die Hürden ihrer Beziehung informiert, die dem Alltagsrassismus kaum entgehen kann. Dieses Kapitel gleicht in der Tat einem Hürdenlauf über konstruierte Unterschiede, welche die Vielfalt von Menschen und ihren Erfahrungen auf eine Weise verkürzen, die so plump ist, dass sich mir die Frage stellt, welche Zielsetzung mit diesem Buch eigentlich verfolgt werden soll.
„Fangen wir bei den Basics an. Du bist weiß. Was bedeutet das?“, so die Autorin zu Beginn an ihr offenbar irgendwie prototypisch „weißes“ Gegenüber. „Egal, ob du melancholisch, optimistisch, nachdenklich oder spontan bist, als weißer Mensch hast du eine gewisse Leichtigkeit. Ich werde merken, dass du dir über bestimmte Dinge, um die ich mich sorge, einfach keine Gedanken machst. Du hast unter anderem keine Angst vor Wohnungsbesichtigungen oder davor, an bestimmte Orte zu reisen. (...) Ich werde über das Selbstbewusstsein staunen, mit dem du Bewerbungen schreibst. Oder dass du durch deutsche Kleinstädte laufen kannst, ohne dass deine Schultern dauerhaft hochgezogen sind.“ In diesem Duktus ist das ganze Kapitel geschrieben, und macht auf mich eher den Eindruck einer Therapiesitzung als einer ernsthaften Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus. Natürlich sind Benachteiligungen verschiedener Gruppen von Menschen in verschiedenen Zusammenhängen nicht von der Hand zu weisen, doch die Ausschließlichkeit, mit der Hasters sich an einzelnen Punkten abarbeitet, verhöhnt nahezu jene „weißen“ Menschen, denen die Leichtigkeit z.B. aufgrund von Arbeitslosigkeit, Armut, Erkrankung oder Einsamkeit bereits lange abhanden gekommen ist - während die Autorin selbst bemerkenswerter Weise selbst mit einer gewissen Leichtigkeit komplexe Herausforderungen so krass in Schwarz-weiße Kontraste herunterbricht, dass es radikal weltfremd wirkt. Hat sich die Autorin in ihrem jungen Alter bereits so weit von ihren Wurzeln in der Kölner Vielfalt entfernt, dass sie z.B. die Probleme „weißer“ allein erziehender Mütter auf Wohnungssuche einfach ausblenden kann? Dass es auch „weiße“ Menschen gibt, die mit hochgezogenen Schultern durch die eine oder andere Straße ihrer Heimatstadt laufen - oder, vor allem als Frau, diese zu bestimmten Uhrzeiten doch eher meiden? Hat sie jemals Zeit in einer Psychiatrie verbracht und ist dort nur „Schwarzen“ Menschen begegnet?
Die Ausschließlichkeit, mit der Hasters darauf beharrt, das nur „weiße“ Menschen Privilegien genießen und nur „Schwarze“ Menschen Opfer von Rassismus werden können, nimmt stellenweise obsessive Züge an, hat mit den Lebenswirklichkeiten in diesem Land jedoch allenfalls ausschnittsweise zu tun. Das allein ist nicht ungefährlich. Noch gefährlicher ist allerdings ihre Ignoranz gegenüber den zahlreichen Beispielen für Lebenswirklichkeiten von Menschen, die weniger Energie darauf verschwenden, in einem fort - scheinbar nahezu unüberwindbare - Unterschiede festzustellen, sondern die auf die eine oder andere Weise ein Miteinander leben und bei denen die Wahrnehmung des Anderen als Mensch die Bedeutung von Hautfarben und damit zusammenhängen Konstruktionen überwiegt.

Privilegien: Sind sie wirklich (immer noch) so eindeutig verteilt?

Alice Hasters‘ Buch über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus wurde im September 2019 veröffentlicht und gehört derweil zu einer der am meisten diskutierten Publikationen hierzulande. Die Autorin gilt als „eine der bekanntesten deutschen Stimmen im Kampf gegen Rassismus“ (der Tagesspiegel) und arbeitet u.a. für die Tagesschau, das SPEX-Magazin und den rbb. Ihre Stimme hat also dieser Tage ein mehr als respektables Gewicht, ihre Thesen verhallen nicht ungehört, sondern werden von zahlreichen Menschen in den aktuellen Diskussionen aufgegriffen. Es gibt keinen Zweifel: Alice Hasters wirkt mittlerweile aus einer privilegierten Position und nutzt dieselbe, um ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen einem großen Publikum mitzuteilen - und auch um für ihr Anliegen zu streiten. Allein die Tatsache, dass sie mit 31 Jahren bereits so erfolgreich Einfluss auf aktuelle Debatten nehmen kann, sollte - auch ihr selbst - verdeutlichen, dass unsere Gesellschaft nicht von A bis Z strukturell rassistisch organisiert ist und Schwarzen Menschen jegliche Chancen verwehrt. Wer in den Tagesthemen den Integrationsgipfel so kritisiert, wie Hasters es am 09. März 2021 macht, der spricht sogar aus einer sehr privilegierten Position - oder wie kann es sonst bezeichnet werden, wenn eines der meistgesehenen deutschen Nachrichten-Formate der Journalistin zwei Minuten einräumt, in denen sie ihre Wahrnehmungen und Meinung zum Rassismus in Deutschland darlegen kann?

Alice Hasters sagt ihre Meinung, z.B. am 09. März 2021 in den Tagesthemen. (ab Minute 19:57)

Ein Paradox? - „Weil es weniger Diskriminierung gibt, können Diskriminierte über Diskriminierung sprechen.“

Der deutsche Soziologe Aladin El-Mafaalani stellte in einem Gastbeitrag für das taz-Magazin futur zwei kürzlich fest, dass von Diskriminierung betroffene Gruppen heute so gute Teilhabechancen haben wie selten zuvor. „Und deshalb haben diese Menschen die Macht und die Kompetenz, sich zu organisieren und in den Diskurs einzubringen. Oder anders ausgedrückt: Weil es weniger Diskriminierung gibt, können Diskriminierte über Diskriminierung sprechen. (...) In immer feineren Analysen werden immer wieder neue Ecken durchleuchtet, in denen Diskriminierung stattfindet. Diese kommunikative Steigerungsspirale lässt schnell den Eindruck entstehen, alles sei schlimmer geworden.“
Kann diese „kommunikative Steigerungsspirale“ mit der Wirklichkeit mithalten? Hasters‘ Buch habe ich während der Bahnfahrten von und zur Arbeit gelesen, also zwischen Nippes und dem „Multikulti-Veedel“ Kalk. Habe ich dabei überall Alltagsrassismus erlebt? Nein, das habe ich nicht, eher ein sehr vielgestaltiges, chaotisches und doch auch irgendwie normales Neben-, sowie gar nicht so selten ein Mit-, aber auch ein Gegeneinander. Eine der Diskriminierungserfahrungen, die mir am Nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, vollzog sich an einer Bahnhaltestelle gegen einen dem Anschein nach gehbehinderten, vielleicht dazu obdachlosen Mann, der einen hilflosen Eindruck machte und an dem zahlreiche Menschen vorübereilten und rasch die Blicke abwandten, obwohl er wackelig vor seinem umgestürzten Rollstuhl stand. Der Mann war „weiß“, doch dieses Bild hätte mich sicher auch bewegt, wenn er eine andere Hautfarbe gehabt hätte. Damit möchte ich nicht davon ablenken, dass es weiter auch solche Formen der Diskriminierungen gibt, wie Hasters sie beschreibt. Es gibt sie. Und es gibt fraglos zu viele davon.
Und es gibt gleichzeitig viele Menschen, die im Alltag selbst im Nebeneinander in der Großstadt spontan hilfsbereit reagieren, ohne dass eine „andere“ Hautfarbe als die eigene sie davon abhalten würde.

Fazit:

Alice Hasters hat mit ihrem Buch einen wertvollen, sehr persönlichen, gleichwohl nicht ungefährlichen Debattenbeitrag zum Thema „Alltagsrassismus“ vorgelegt. Die Stärke ihrer engagierten Streitschrift, die Entwicklung ihrer Argumentationslinien aus konkreter persönlicher Betroffenheit, erweist sich auf der Kehrseite der Medaille auch als Schwäche: Die Ignoranz, die Hasters vielen unserer Mitmenschen vorwirft, tritt in Form von blinden Flecken auch in ihren eigenen Wahrnehmungen und Zuschreibungen zutage. Stellenweise kulminiert diese verengte Wahrnehmung in einer Selbstgerechtigkeit mit obessiven Untertönen. Es ist der jungen Autorin zu wünschen, dass sie in der Lage ist, aus dem vielfältigen Echo auf ihr Buch auch die Töne jener Leser*innen herauszufiltern, die sich weder bedingungslos auf ihre Seite schlagen und überall Rassismus am Werk sehen, noch ihr Buch verteufeln. Den größten Wert kann ihre Schrift nämlich wohl dann entfalten, wenn Menschen über diese Themen ins Gespräch kommen, sich respektvoll zuhören, einander verstehen lernen, und auch Alice Hasters begreift, dass sie selbst Rassismus vielleicht doch ziemlich viel Raum zugesteht - und zwar mittlerweile ohne große Not, sondern als Frau mit enormer Reichweite und ihr anvertrauter Deutungskompetenz.
Zudem wäre es der Autorin zu wünschen, dass sie - nicht zuletzt angesichts ihres Erfolgs - eine Gelassenheit entwickelt, die ihr zu erleben ermöglicht, dass eben nicht nur überall Alltagsrassismus am Werk ist, sondern dass nicht „weiße“ Menschen vielerorts selbstverständlich zur Gesellschaft dazugehören und mancherorts, vom Kindergarten bis zum Rheinenergie-Stadion, gefeiert werden für das, was sie im Zusammenspiel mit vielen von uns leisten - und zwar ohne dass Hautfarbe, Herkunft und soziale Konstruktionen derselben eine wichtige Rolle spielen.


Mehr zum Thema:

Alice Hasters: Alltagsrassismus besteht aus Mikro-Aggressionen (SWR2-Podacst "Zeitgenossen") [...müsste es nicht heißen „Zeitgenoss*innen“?]

Alice Hasters: Warum weiße Menschen so gerne gleich sind (Artikel für Deutschlandfunk Kultur in der Reihe „Identitäten“)


Fatina Keilani: Kampf gegen Rassismus: Wenn Weiß-Sein zum Makel gemacht wird (Artikel im Tagesspiegel)

Canan Topçu: Nicht mein Antirassismus (Artikel in der Süddeutschen Zeitung)

Judith Sevinç Basad: Schluss mit Identitätspolitik (Interview in WDR 5 Neugier genügt)


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