Wenn Fußball Schule macht - Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Wenn Fußball Schule macht

Texte > Rezensionen

„Gerade die Grundschullehrer prägen die Kinder ja wie kaum jemand anderes. Sie und ihr Unterricht entscheiden darüber, ob die Schüler gern oder widerwillig in die Schule gehen. Man muss sich das mal vorstellen: Meine Kollegen und ich vermitteln diesen kleinen Menschen Kompetenzen, die sie nirgendwo sonst erhalten und die ihnen ein Leben in dieser Gesellschaft erst ermöglichen. Wir bringen ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Das sind die Grundlagen, auf denen alles andere aufbaut. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schlecht bezahlt dieser Beruf am Ende doch ist, wenn man sich einmal ansieht, wie wichtig er für die Lebenswege so vieler Menschen ist. Im Übrigen genau wie Kindergärtner, Krankenschwestern und viele andere Berufe im sozialen Bereich.“

Das sagt bzw. schreibt ein ... na, wer wohl? Na klar, ein Grundschullehrer! Doch nicht irgendeiner - nein, niemand anderes als Knut Reinhardt, mit einstigem Rufnamen "Knuuuuut" (die Älteren unter Euch werden sich erinnern). Und eben jener Knut Reinhardt ist kein herkömmlicher Lehrer, auch wenn er betont, dass seine Kolleginnen und Kollegen die gleiche Anerkennung verdient haben, die ihm als Prominenten entgegenschlägt. Denn genau das ist Knut Reinhardt immer noch, zumindest in der deutschen Fußball-Metropole im Osten des Ruhrgebiets: prominent. Daher weckt der ehemalige Mittelfeldspieler das Interesse auch außerhalb pädagogischer Kreise, wenn er sich zu seinem heutigen Beruf äußert - und mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, sondern - ähnlich wie früher auf dem Rasen - ab und zu Vollgas gibt.
Ob nun jedes der obigen Worte hält, was es verspricht, wenn es auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt wird? Sicher vermitteln grundsätzlich auch zahlreiche andere Menschen den Kindern im Grundschulalter wichtige Kompetenzen, seien es nun die pädagogischen Mitabeiterinnen und Mitarbeiter in offenen Ganztagsschulen oder in anderen Betreuungseinrichtungen, TrainerInnen und Trainer sowie Sportbrüder und -schwestern in Vereinen, und so weiter ... bis hin zu den Familien, bei denen der Bildungsauftrag natürlich nicht an erster Stelle steht, sondern doch die wichtigsten Werte schlechthin vermittelt werden sollten. Doch prinzipiell stimme ich dem in der Dortmunder Nordstadt arbeitenden Lehrer zu.

"Was vielen Kindern fehlt, ist ein grundlegendes Gespür für die Wirklichkeit. Wie schwer ist ein Apfel? Was kostet ein Stück Butter? Warum ist der Himmel blau? Was ist Kernobst? Was Steinobst?"

Vor einer Weile unterhielt ich mich mit einem Grundschüler über seine Klassenlehrerin, von der er sich ungerecht behandelt fühlte und gegen die er einen Groll hegte. Ich erklärte ihm, warum er es meiner Einschätzung nach mit seiner Ablehnung übertrieb, und dass er seiner Lehrerin im Grunde sogar ein Leben lang dankbar sein dürfte. Er protestierte dagegen, denn das wollte ihm gar nicht einleuchten  - bis ich ihn fragte, wer ihm denn eben Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht hätte. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. "Siehst du", erklärte ich ihm, "und deshalb wird all das, was du in deinem zukünftigen Leben noch liest, schreibst und rechnest, bei Frau Mustermann seinen Anfang genommen haben, denn sie hat es dir beigebracht. Du musst sie deshalb nicht lieben und ganz toll finden, doch du solltest ihr ein Leben lang Respekt zollen, dass sie dir das mit auf deinen Weg gegeben hat." Ich konnte meinem Gegenüber ansehen, wie meine Worte in ihm nachhallten und Wirkung entfalteten.

Just an diese Episode erinnerte ich mich kürzlich, als ich Knut Reinhardts Biographie "Wenn Fußball Schule macht. Mein Weg vom Fußballprofi zum Lehrer" las. In dem im Vergleich zu ähnlichen Publikationen mehr als unterhaltsam geschriebenen Buch zeichnet der ehemalige Mittelfeldspieler seinen Werdegang so locker wie bodenständig nach. Er verschweigt nicht, welche Böcke er in seinem turbulenten Leben geschossen hat, gesteht Fehler und Ängste ein - und berichtet authentisch, warum es wichtig ist, nach Niederlagen wieder aufzustehen, den Blick zu heben, Mut zu entwickeln und sich Erfolg zu erarbeiten. Der hat gut reden (schreiben), weil dem sowieso alles in den Schoß gefallen ist? Mitnichten! Der Champions-League-Gewinner von 1997 hatte vor Prüfungen offenbar ähnliches Muffensausen wie zahlreiche mir bekannte LehrerInnen, die ihre Referendariate am Rande des Zusammenbruchs absolvierten, nur um sich kurz darauf in verschiedenen Schulen riesigen Herausforderungen gegenüber zu sehen. Da können sogar manche Erfahrungen aus dem Spitzenfußball hilfreich sein.

"Auf den ersten Blick haben Fußball und Schule nicht besonders viel gemein. Ich weiß mittlerweile jedoch, dass es viel mehr Parallelen zwischen beiden Universen gibt, als man denkt. Oft gehe ich in die Schule und denke: Das wird der perfekte Tag, ich bin super vorbereitet, die Planung sitzt. Und dann geht alles schief. An anderen Tagen läuft alles wie am Schnürchen, auch wenn ich am Morgen noch das Gefühl hatte, heute geht alles den Bach runter. Sowohl beim Fußball als auch in der Schule muss man flexibel bleiben und improvisieren können. Als Lehrer wie auch als Spieler musst du mit deinem Umfeld interagieren, egal ob es 21 Schüler oder zehn andere Spieler sind."

Gleichwohl sich der Lehrer u.a. für bestimmte Unterrichtsmodelle stark macht, ist sein Buch keines, das LehrerInnen oder ErziehungswissenschaftlerInnen tiefergehende pädagogische Einsichten oder gar revolutionäre Erkenntnisse vermittelt. Nein, es ist die Biographie eines Fußballspielers, der erkannt hat, dass die Arbeit mit jungen - und in seinem Fall strukturell benachteiligten - Menschen weitaus größerer Verantwortungsbereitschaft und manchmal kaum weniger Disziplin bedarf als die Arbeit eines Profisportlers. Dieser Erkenntnisgewinn allein rechtfertigt das Buchformat, und nach der Lektüre ist aus meiner Vermutung die Gewissheit geworden: Knut Reinhardts Beispiel sollte Schule machen. Ein Mensch, der in seiner Karriere als Sportler weit mehr erreicht hat als die allermeisten von uns, und der nun Tag für Tag vorlebt, dass jedes - wirklich jedes - Kind Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient, ist selbst wohl ein deutlich wertvolleres Vorbild als jene Stars, die vor allem cool, unnahbar und narzisstisch bis größenwahnsinnig sind.
Insofern sei die Lektüre - neben ohnehin allen Schwatzgelben - jenen ans Herz gelegt, die vielleicht noch einen Kick brauchen, um neue - ggf. zuvor noch ungeahnte - Herausforderungen in Angriff zu nehmen, wie z.B. die Arbeit mit Kindern; sei es nun in der Schule, oder wo auch immer.
Notiert im Februar 2020

© Thor Wanzek 2018-2020
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü