Wo die Freiheit wächst - Thorheiten

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Wo die Freiheit wächst

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Lesung aus dem Buch von Frank Maria Reifenberg,
mit Maren Gottschalk und Gerlis Zillgens, sowie Dr. Martin Rüther
am 04. Juli 2019 im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Das Interesse an den Edelweißpiraten scheint in Köln ungebrochen. In den kleinen Lesesaal des EL-DE-Hauses strömen an einem warmen Donnerstagabend mehr Zuhörer als zunächst Stühle aufgestellt sind. Der Schriftsteller Frank Maria Reifenberg liest gemeinsam mit zwei kongenialen Vorleserinnen hier und heute zum ersten Mal aus seinem neuen Buch „Wo die Freiheit wächst“, einem Briefroman, der das Jahr 1942 - nicht nur in Köln - aus den Perspektiven fiktiver Protagonisten beleuchtet. Die jungen Menschen berichten ausdrücklich sowie zwischen den Zeilen, wie sie im Zweiten Weltkrieg Herausforderungen und Horror begegnen, wie sie zweifeln und hoffen, leben und lieben.

Reifenberg liest die Briefe von Franz vor, der sich in Russland an das Töten und Sterben um ihn herum irgendwie gewöhnt hat, sich in lichten Momenten über aus der Heimat geschickte Süßigkeiten freut, und dessen Gedanken jener Heimat und den Empfängerinnen seiner Briefe sehnsuchtsvoll zufliegen. Aus dem Töten und Sterben wird Morden und Verrecken, und Franz berichtet, wie in ihm und anderen Soldaten die Ahnung zur Gewissheit wird, dass sich vor seinen Augen Verbrechen abspielen, für die es selbst im zermürbenden Krieg einfach keine Rechtfertigung geben darf. An der Seite des Buchautors tragen Maren Gottschalk und Gerlis Zillgens die Briefe von Rosi und Lene vor. Lene ist 16 Jahre alt, lebt in Köln-Nippes, und entwickelt eine Zuneigung zu einem Jungen, der, wie sie nach einer Weile herausfindet, zu den so genannten „Edelweißpiraten“ zählt. Wegen deren aufmüpfigen, jedoch nicht prinzipiell politischen Akten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus gerät er immer wieder in Auseinandersetzungen mit der Hitlerjugend und wird von der Gestapo malträtiert (und zwar in jenem Gefängnis, welches nun als NS-Dokumentationszentrum dient und in dem die Lesung stattfindet). Rosi hat Köln bereits verlassen, verdingt sich zunächst im Westfälischen auf einem Bauernhof und zieht schließlich zu Verwandten nach Schlesien in die Nähe von Breslau.
Bereits die heute Abend vorgetragenen kurzen Auszüge aus dem relativ umfangreichen Briefroman verdeutlichen, dass Reifenberg keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben möchte. Der Autor betont, wie wichtig es ihm ist, auch „politisch unkorrekten“ Gedanken Raum zu geben, um begreifbar zu machen, wie bestimmte ideologische Versatzstücke im öffentlichen Raum zunächst Fuß fassen und sich schließlich zur Vernichtung von Menschen, Stadt, Land und Ländern auswachsen konnten. Diese Ambivalenz lässt die Figuren bei der ersten Begegnung, nicht zuletzt dank der wunderbaren Lesung durch die drei AutorInnen, authentisch erscheinen - und deren Berichte rühren einige im Publikum merkbar an. Lenes eindringliche Schilderungen der nächtlichen Angriffe englischer Bomber, welche Köln mit tausenden Brandherden, ergo mit Tod, Pein und Verwüstung überzogen, lassen wohl keinen Leser bzw. heute Abend Zuhörer kalt. Nicht nur wird das Grauen bei der Lektüre ansatzweise greifbar, sondern auch jene nicht offen auszusprechende Ahnung, dass der Krieg für Deutschland keineswegs so verlaufen wird, wie es die Propaganda nicht müde wird zu verkünden. Dass sich aus diesen Erlebnissen bei noch nicht abgestumpften Menschen eine widerständige Haltung entwickeln kann, die nicht politisch fundiert oder gar differenziert sein muss, mag einleuchten.
Reifenberg hat vier Jahre lang für „Wo die Freiheit wächst“ recherchiert, mit Zeitzeugen und Experten in Sachen „Edelweißpiraten“ gesprochen, Archive durchkämmt und Briefe geschrieben. Auf der ersten Lesung ist ihm anzumerken, wie stark die Geschichte von ihm Besitz ergriffen hat. Er erklärt, wie er Details seiner eigenen Familiengeschichte in den ungewöhnlichen Roman hat einfließen lassen. Die Charaktere seien fiktiv, der Rest beruhe auf historischen Tatsachen und Schilderungen, die er in diesen vier Jahren gelesen oder gehört habe. Dabei sei ihm erst nach und nach bewusst geworden, wie wenig er bislang über bestimmte Zusammenhänge wusste. Einer - typisch kölschen? - Verkitschung möchte er mit seinem Buch in jedem Fall vorbeugen. Ersten Reaktionen am Abend der Lesung zufolge, könnte ihm dies gelingen: Zunächst reagiert das Publikum mit Sprachlosigkeit auf das Gehörte, erst nach und nach werden Fragen an den Autor gerichtet, die dieser ausführlich beantwortet und ein ums andere Mal tiefer blicken lässt. Eine Leserin berichtet, dass sie anfangs mit dem Buch gerungen habe - dann habe es sie gepackt und sie hätte es kaum noch zur Seite legen können. Die an diesem Abend vom Verlag bereitgestellte Stückzahl reicht jedenfalls nicht aus, um der Nachfrage im Anschluss an die Lesung entsprechen zu können. Es mag ein ermutigendes Zeichen dafür sein, dass gerade heute, wenn erneut eine Ängste befeuernde Sprache Hass gegen bestimmte Menschen schüren und verstärken soll, junge und jung gebliebene Menschen die Erinnerung an einen vielgestaltigen und beherzten Widerstand stärken und nutzbar machen wollen für gegenwärtige Herausforderungen.

Mehr zum Buch bei Deutschlandfunk Kultur.

Notiert im Juli 2019

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